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Dienstag, 23. Januar 2018

Robotik

„Auch chinesische Hersteller sehen große Chancen“

Von Ken Fouhy | 11. Januar 2018 | Ausgabe 01

Wohin die Reise beim deutschen Roboterhersteller Kuka geht, berichten der Vorstandsvorsitzende Till Reuter und der Geschäftsführer von Midea Robotics, Olaf Gehrels.

KUKA
Foto: KUKA Aktiengesellschaft

VDI nachrichten: Was hat sich mit dem Eigentümer Midea für Kuka geändert?

Foto: Kuka AG

Till Reuter, Vorstandsvorsitzender der Kuka AG: „Wir haben weltweit insgesamt 14 000 Mitarbeiter, davon in China ungefähr 1500.“

Reuter: Kuka ist eine deutsche Firma, wir haben unsere deutsche DNA. Zwar sind wir jetzt zu 95 % im Besitz eines chinesischen Unternehmens, aber die Kuka-Kultur bleibt bestehen. Für unsere Mitarbeiter und für unsere Kunden hat sich also nichts geändert.

Inwiefern hilft Ihnen Midea und welche Pläne haben Sie?

Reuter: Kuka ist die globale Robotic Brand, also eine Marke innerhalb der Midea-Gruppe. Und unsere gemeinsame Herausforderung ist es, im chinesischen Markt die Nummer eins zu werden. Es gibt derzeit vier große globale Wettbewerber im chinesischen Markt, deren Marktanteil ungefähr gleich groß ist.

Mithilfe von Midea Robotics und deren Geschäftsführer Olaf Gehrels wollen wir unser Chinageschäft von heute 500 Mio. € binnen zwei bis drei Jahren auf über 1 Mrd. € bringen.

Zu den Unternehmen

In welchen Einsatzbereichen wollen Sie besonders wachsen?

Reuter: Kuka bietet neben Robotern auch Lösungen für die Automobilindustrie, die Logistik oder Healthcare. Eine Wachstumsbranche ist zum Beispiel die Elektronikindustrie. Auch Midea hat Automatisierungsbedarf. Wir werden Robotik- und Automatisierungslösungen für die etwa 40 Midea-Fabriken einführen.

Im Bereich Consumer-Robotics werden wir mit Midea zusammen haushaltsnahe Produkte entwickeln. Kuka bringt hier das Know-how in der mobilen und sensitiven Robotik mit. Midea kennt den Consumer-Markt. Die Unternehmen ergänzen sich.

Darüber hinaus werden wir unsere Produktion in China ausweiten und wir planen gemeinsam mit Midea einen Robotikpark in Shunde.

Die Personen

Was bedeutet das für Kooperationen zwischen Midea und anderen Roboterherstellern?

Foto: Kuka AG

Olaf Gehrels, Geschäftsführer von Midea Robotics: „Die wichtigen Trends sind in China ähnlich wie in Europa, nämlich mobile Roboter sowie Industrie 4.0.“

Gehrels: China ist ein gigantischer Markt, schon heute mit über 70 000 Einheiten pro Jahr der größte Einzelmarkt der Welt. Aber es ist auch ein Markt, der sich rasant verändert. Genauso rasant wird bei Midea die Organisation angepasst, und diese Geschwindigkeit in der Umsetzung schafft Wettbewerbsvorteile. Die Strategie und die Partnerschaften, die wir eingehen, sind allerdings langfristig und nachhaltig angelegt.

Midea hat seit vielen Jahren mit Yaskawa eine Zusammenarbeit im Bereich Fabrikautomatisierung der Midea Werke und ein Joint Venture für den Bereich Healthcare. Das sind Joint Ventures, die auch sehr erfolgreich für beide Unternehmen sind und weiter bestehen werden.

Welche gemeinsamen Projekte haben Sie bereits?

Gehrels: Bei der Automatisierung der eigenen Werke und im Bereich Consumer-Robotics gibt es gemeinsame Projekte. Die wichtigen Trends sind in China ähnlich wie in Europa, nämlich mobile Roboter, die sensitiv sind, sowie Industrie 4.0. Aber auch beim Lieferanten-Sourcing werden wir zusammenarbeiten.

Midea stellt 370 Mio. Produkte mit 100 000 Mitarbeitern her. In unseren Fabriken haben wir aber nur 1400 Roboter. Unser Plan ist es, in den nächsten fünf Jahren 5000 Roboter in den Fabriken einzusetzen, und das werden Kuka-Roboter sein.

Da werden aber bestimmt andere Lösungen benötigt als z. B. in der Automobilindustrie?

Reuter: Ja, Kuka bietet den Kunden Automatisierungslösungen für die industrielle Fertigung und Logistik sowie deren Anbindung an die IT Welt. Midea ist dagegen eine Consumer-Company mit dem entsprechenden Distributionskanal, um Endkunden zu erreichen. Hier gibt es Gespräche: Wie können wir gemeinsam den Consumer-Robotic-Markt angehen? Auch das Thema künstliche Intelligenz spielt für beide Unternehmen eine große Rolle. Midea beschäftigt sich intensiv damit, wie sie ihre eigenen Produkte mit Intelligenzfunktionen ausstatten können. Davon können auch wir zumindest in Teilbereichen für die Robotik profitieren.

Gehrels: Im Midea Innovation Center arbeiten mehr als 3000 Ingenieure – davon beschäftigten sich 200 ausschließlich mit Sensortechnik, mit KI – der künstlichen Intelligenz –, Bildverarbeitung, Spracherkennung, Erkennung von Emotionen und Intuition. Das ist die Power, die wir natürlich nutzen können, um eine ganz neue User-Experience im Umgang und in der Inbetriebnahme von Robotern im Industrie- aber auch im Consumer-Robotics-Bereich zu realisieren. Wir arbeiten an konkreten Produkten, die uns helfen, ganz massiv auch in den Consumer-Robotics-Bereich vorzudringen. Das ist einfach eine Kombination, die wahnsinnig spannend ist: Dieses große Automatisierungs-Know-how und die Innovationsstärke, die Kuka mitbringt, und die Engineering Power von Midea im Bereich Sensortechnik und KI sind beste Voraussetzungen für eine große Anzahl von erfolgversprechenden Projekten.

Wie viele Mitarbeiter hat Kuka in China?

Reuter: Wir haben weltweit insgesamt 14 000 Mitarbeiter, davon in China ungefähr 1500.

Wie soll es bezüglich der Umsätze in drei Jahren aussehen?

Reuter: Wir haben heute 1 Mrd. € Umsatz in USA, 1,5 Mrd. € in Europa und 500 Mio. € in China. Das Ziel ist, dass wir vielleicht in drei bis fünf Jahren über 1 Mrd. € in China haben. Natürlich wird in China auch die Belegschaft wachsen. Auch in Europa werden wir weiter wachsen, nur eben langsamer. Globaler Erfolg dient ja aber wiederum unserem Heimatstandort Augsburg.

Wie sind die Produktionskapazitäten aktuell verteilt?

Reuter: Wir haben eine Jahreskapazität von etwa 25 000 Robotern in Augsburg und rund 10 000 in Schanghai. In Schanghai werden wir nächstes Jahr die Kapazität auf knapp 20 000 Roboter erhöhen. In China produzieren wir für den asiatischen Markt.

Welchen Marktanteil haben Sie zurzeit bei Industrierobotern?

Reuter: Sagen wir so, wir sind gut positioniert aber müssen für eine Marktführerschaft schon noch zulegen. Wenn man anstrebt, die Nummer 1 im Markt zu sein, dann braucht man etwa 20 bis 25 % Marktanteil.

Welche Vertriebswege nutzen Sie in China?

Reuter: Wir arbeiten heute über einen Direktvertrieb und auch über Integratoren. In China gibt es aber bisher noch wenige Integratoren.

Was ändert sich jetzt für den Kuka-Vertrieb?

Gehrels: Kuka kann zu den eigenen Vertriebskanälen zusätzlich die von Midea nutzen. Da sind wir nun viel schneller in der Skalierung. Midea hat 40 Werke, über 100 Distribution Center, 45 allein für den E-Commerce-Bereich. Beim Marktzugang sind wir wahrscheinlich schon jetzt die Nummer eins.

Reuter: Ich glaube, in China werden wir über Midea noch mal einen guten Schub bekommen. Denn wir werden als deutsch-chinesisches Unternehmen gesehen. Auch die Marktentwicklung ist anders dort. Wenn mich eins beeindruckt, dann ist das die Veränderungsgeschwindigkeit und Veränderungsbereitschaft in China – und zwar nicht nur in Schanghai. Das ist die große Chance, die aber auch chinesische Roboterhersteller sehen.

Wie sieht die Wettbewerbssituation dort aus?

Gehrels: Es gibt über 200 Roboterhersteller in China. Alle stehen jetzt am Start und am Ende werden sich vielleicht 20 oder 30 etablieren. Aber die 20 bis 30 warten auf ihre Gelegenheit, auch nach Europa und nach Amerika zu expandieren.

Wir müssen genauso schnell und so hungrig sein wie diese neuen Hersteller. Midea ist als Unternehmen mit 30 Mrd. $ Umsatz wie ein Start-up strukturiert; Selbstorganisation in Reinkultur. Wir benutzen immer den Begriff der „idea owners“: Hast du eine Idee, schaffst du dir die Ressourcen, die verfügbar sind, und dann rennst du los. Das schafft natürlich eine enorme Motivation. Wir reden nicht vom Silicon Valley, sondern von Silicon Shunde.

Wie wichtig ist die Automobilindustrie für Kuka?

Reuter: Die Autoindustrie macht 50 % unseres Umsatzes aus. Wir sind Partner der Autohersteller und das über viele Jahre. Wir arbeiten an vielen Innovationen zusammen. Als Kuka den ersten sensitiven Roboter für die Mensch-Maschinen-Kooperation in der industriellen Fertigung entwickelt hatte, war es Daimler, die mit uns die ersten Anwendungsfelder für diese Innovation erprobten.

Wir haben 2017 den Laderoboter für Elektromobilität zusammen mit VW präsentiert. Das ist ein Roboter, der mobil ist und Ihnen das Laden Ihres Elektrofahrzeugs abnehmen kann. Wir sind mit anderen Automobilherstellern in Forschungsprojekten verbunden.

Und wie begegnen Sie den Sorgen von deutschen Premiumherstellern vor ungewolltem Wissenstransfer nach China?

Reuter: Es ist wichtig, transparent zu sein und auch aufzuzeigen, wo Kunden profitieren. Während der Übernahmephase haben die Kunden schon gefragt, was sich verändern wird. Wir haben mit allen Stakeholdern gesprochen und deren Bedenken in die Investorenvereinbarung, die wir mit Midea abgeschlossen haben, aufgenommen. Midea hat uns siebeneinhalb Jahre Standortgarantie zugesichert, sich zum Management und den Mitarbeitern bekannt.

Kommen wir zu Kuka Systems. 250 von 750 Stellen sollen hier in Deutschland wegfallen. Warum?

Reuter: Wir haben hier am Standort 4000 Menschen – davon 750 bei Kuka Systems. Kuka Systems ist im Anlagenbau, vor allem im Karosseriebau, in Deutschland und Europa tätig. Das ist ein Bereich, der einem sehr harten Wettbewerb ausgesetzt ist. In diesem Bereich wurden einige Projekte nicht sauber gemanagt. Externe Lieferanten hatten Engpässe und wenn wir als Integratoren natürlich für diesen Partner verantwortlich sind, fällt uns das auf die Füße.

Das heißt für uns, dass wir unser Kompetenzprofil überprüfen. Kuka Systems braucht eine Neuausrichtung und das bedeutet, dass in diesem Bereich 250 Stellen sozialverträglich abgebaut werden. Einige wollen wir in anderen Bereichen des Konzerns unterbringen, denn Kuka ist insgesamt auf Wachstumskurs.

Im Vergleich zu Ihren Konkurrenten haben Sie eine relativ geringe Fertigungstiefe.

Reuter: Das ist ein guter Punkt, weil ich glaube, hier haben wir Potenzial. Kuka ist stark im „design to cost“. Wir kaufen Motoren, wir kaufen Antriebstechnik, wir kaufen die Gussteile. Unserer Stärke ist in der Entwicklung und im Design des Roboters. Schlüsselkomponenten bauen wir selbst. Im Leichtbauroboter LBR haben wir zum Beispiel eigene Antriebstechnik eingebaut.

Midea hingegen kontrolliert alle ihre Komponenten. Eine Philosophie, die für uns an der ein oder anderen Stelle auch Sinn macht. Ich glaube, wir sollten nicht anfangen, als Kuka alles machen zu wollen. Wenn eine Komponente aber einen USP bietet, dann müssen wir das kontrollieren.

Welche Umsätze planen Sie außerhalb Industrierobotik in drei Jahren?

Reuter: Ich werde hier keine Prognosen abgeben, aber ich kann Ihnen eine Idee für das Potenzial im Consumer-Markt geben. Nehmen wir den Laderoboter als Beispiel. VW produziert 10 Mio. Autos. Gehen wir davon aus, dass bis 2025 10 % elektrifiziert sind. Wie viele Menschen haben dann wohl einen Laderoboter, der dem Autofahrer bequem das Laden und gegebenenfalls noch andere Services rund ums Auto abnimmt?

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