Empirische Studie des DIW 02. Jun 2021 Von Peter Steinmüller

Sozialexperiment zum Grundeinkommen gestartet

1200 € monatlich für drei Jahre lang: Ein wissenschaftliches Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen beginnt mit der Auszahlung.

Nur die Muße genießen, sich weiterbilden oder sich für das Gemeinwohl einsetzen? Was Menschen tun würden. wenn sie nicht mehr auf Erwerbseinkommen angewiesen sind, will das DIW mit 122 Freiwilligen herausfinden.
Foto: PantherMedia / Yarygin

Für die erste Langzeitstudie des Pilotprojekts Grundeinkommen bekommen 122 Menschen in Deutschland monatlich 1200 € ausgezahlt – für insgesamt drei Jahre. Unter dem Motto „Wir wollen es wissen“ wird die Studie des Vereins Mein Grundeinkommen gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) durchgeführt. „Wir wollen in den kommenden drei Jahren empirisch erforschen, ob und wie die bedingungslose, regelmäßige Auszahlung eines Geldbetrags, der mehr als das Existenzminimum deckt, bei Menschen überhaupt wirkt“, berichtete Jürgen Schupp vom DIW Berlin, der das Projekt wissenschaftlich verantwortet. Die 1200 € werden den 122 Teilnehmenden jeweils monatlich und über einen Studienzeitraum von drei Jahren ausgezahlt. Finanziert wird das Projekt durch Spenden von rund 181 000 Privatpersonen. Die Finanzierung durch private Spenden sichert die politische Unabhängigkeit der Studie.

Grundlagenforschung zum Grundeinkommen

Die Studie soll erstmals Grundlagenforschung zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) betreiben. „Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen ist von ideologischen Glaubenssätzen geprägt. Wir wollen wissen, was am BGE wirklich dran ist. Entwickeln wir mehr Gemeinsinn? Führt es zu weniger Burn-out, ermöglicht es bessere Arbeit und mehr Weiterbildung? Treffen wir mutigere Entscheidungen? Haben die Menschen mehr Raum und Kraft, sich für eine lebenswerte Zukunft für alle einzusetzen?“, erklärte Michael Bohmeyer, Initiator des Pilotprojekts Grundeinkommen.

Da menschliche Entscheidungsprozesse hochkomplex sind und der Fokus auch auf Veränderungen von Entscheidungen und kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmenden liegt, wird die Studie außerdem von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, der Universität zu Köln und der Technischen Hochschule Köln durch psychologische, verhaltensökonomische und qualitative Forschung unterstützt.

Teilnehmende aus über 2 Mio. Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt

Um statistisch aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, untersucht die Studie eine eingegrenzte, relativ homogene Gruppe, für die wissenschaftlich belastbare Aussagen getroffen werden können. Dank der zahlreichen Bewerbungen für das Pilotprojekt konnte aus einer großen und umfassenden Datengrundlage von mehr als 2 Mio. erwachsenen Personen ausgewählt werden. Die Parameter für die Auswahl der Studienteilnehmenden bezogen sich auf Haushaltsgröße, Alter und Einkommen.

Die Studienergebnisse werden verallgemeinerungsfähig für die Gruppe der 21- bis 40-Jährigen mit mittleren Einkommen in Einpersonenhaushalten in Deutschland sein. Nach drei Jahren wird untersucht und diskutiert, inwiefern sich diese Erkenntnisse auch vollständig oder teilweise auf andere Bevölkerungsteile übertragen lassen. „In dieser Altersgruppe werden wesentliche Lebensentscheidungen getroffen. Uns interessiert, ob und wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf diese Lebensentscheidungen auswirkt“, erläuterte Michael Bohmeyer.

„Da das von uns getestete Grundeinkommen individuell ausgezahlt wird, derzeitige Transfereinkommen aber pro Haushalt (Bedarfsgemeinschaft) berechnet werden, lassen sich Haushalte mit unterschiedlicher Personenanzahl nur eingeschränkt miteinander vergleichen. Um dieses grundsätzliche Problem der Trennung von individuellen und haushaltsbezogenen Wirkungen zu vermeiden, beschränkt sich unsere Studie auf Einpersonenhaushalte“, begründete Jürgen Schupp die Auswahl.

„Das Grundeinkommen für Einkommensschwache wurde bereits weltweit vielfach wissenschaftlich untersucht“, sagte Michael Bohmeyer. „Da das Grundeinkommen aber keine Nothilfe, sondern eine universelle Investition in die Entwicklung der gesamten Gesellschaft ist, erforschen wir nun die Wirkung des Grundeinkommens in der Mittelschicht.“

Corona-Krise hat Probleme von Geringverdienenden und Selbstständigen gezeigt

„Unsere sozialen – überwiegend beitragsfinanzierten – Sicherungssysteme haben sich vielfach bewährt – nicht zuletzt in der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Krise. Deutlich wurde aber auch, bei welchen sozialen Gruppen, wie Geringverdienenden und Selbstständigen, sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Und dieses Problem wird sich noch verschärfen“, ist Jürgen Schupp überzeugt. „Ein Bürgerrecht auf ein bedingungsloses Mindesteinkommen hätte das Potenzial, einige Schwächen unseres derzeitigen Systems sozialer Sicherung zu überwinden.“

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