Automatisieren mit System 17. Dez 2021 Von Martin Ciupek

Deutsches Roboter-Start-up greift nach dem Weltmarkt

Das Start-up Agile Robots ist Deutschlands erstes Robotikeinhorn. Gründer Zhaopeng Chen beschreibt im Interview sein Konzept und erklärt, warum Deutsche Start-ups größer denken sollten.


Foto: Agile Robots

VDI nachrichten: Deutsche Start-ups klagen oft darüber, dass sie gegenüber US-Unternehmen bei der Finanzierung durch Kapitalgeber im Nachteil sind. Wie sehen Sie das und was machen Sie anders?

Zhaopeng: Ich sehe dafür mehrere Gründe. Das Hauptproblem in Deutschland ist der Kapitalmarkt. Der ist nicht so aktiv wie in den USA oder Asien. Deutschland ist aber inzwischen meine zweite Heimat.

Der Kapitalmarkt ist brutal, was am meisten zählt, sind Zahlen. Da kann der Businessplan noch so schön sein. Man braucht einen sehr aktiven Markt, um sicherzustellen, dass potenzielle Investoren eine sehr hohe Wachstumsrate für Ihr Unternehmen erkennen können. Einnahmen und Gewinne sind da eine andere Sache. Sie bekommen mehr Geld, wenn die Kapitalgeber sehen, dass Sie in einem großen Zukunftsmarkt aktiv sind. Das ist oft ein Problem deutscher Start-ups. Sie fokussieren sich zu stark auf den europäischen Markt, statt auf den Weltmarkt. Wenn man nur auf Europa schaut, dann ist das Wachstum bei den Einnahmen eher flach.

Ein zweiter Punkt ist, dass die Börsen in Deutschland und Europa nicht so aktiv sind wie beispielsweise die öffentliche US-Börse Nasdaq.

Von Anfang an international

Sie haben auffallend viele Investoren aus Asien, auch aus Ihrer Heimat China. Wie sind die Beteiligungen verteilt?

Wir Gründer haben definitiv einen höheren Anteil als jeder einzelne der anderen Anteilseigner. Danach ist der größte Shareholder Softbank Vision Fund aus Japan. Dann folgt Sequoia Capital China. Die haben zwar ihr Büro in China, aber investieren international. Ich gebe zu, wir bekommen gerade viel Aufmerksamkeit aus Asien. Das liegt aber auch daran, dass wir dort gerade viele Geschäfte machen.

Dazu kommt, dass wir uns als Agile Robots dem Markt auch als internationales Unternehmen präsentieren wollen, auch was unsere Unternehmensstrukturen angeht.

Aus welchem Grund haben Sie sich für Deutschland als Standort entschieden?

Gute Frage, (lacht) ich habe mir Deutschland nicht ausgesucht, das hat mein Professor für mich getan. Ernsthaft: Um meinen Doktortitel zu erlangen, hatte ich zwei Optionen, eine von der Michigan University in den USA und eine vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Teil des DLR zu sein, war da für mich einfach attraktiver. Ich war damals zwar gelegentlich auch mal in München, aber Deutschland war für mich hauptsächlich Oberpfaffenhofen-Weßling.

Die Agile-Robots-Gründer Peter Meusel (li.) und Zhaopeng Chen.
Foto: Agile Robots

Ihr Firmensitz ist nun in München, unweit vom DLR. Liegt das auch daran, dass Sie hier entsprechende Roboterexperten vorfinden?

Das ist richtig. Viele meiner damaligen Kollegen sind auch heute wieder meine Kollegen, Mitbegründer und auch Freunde. Mit ihnen verbindet mich inzwischen eine lange Freundschaft, teilweise seit 17 Jahren.

Sie haben am DLR lange an kraftgesteuerten Robotern geforscht. Welche wesentlichen Erkenntnisse haben Sie daraus für Ihr Unternehmen gewonnen?

Für mich gab es mehrere Erkenntnisse. An erster Stelle steht für mich die Teamarbeit, also die Chance mit so vielen talentierten Menschen zusammenarbeiten zu können. Das, was wir bei Agile Robots heute machen, ist deutlich mehr, als eine Person allein leisten kann. Dass es das Unternehmen heute gibt, liegt am Team. Wir vertrauen einander und das ist eine wichtige Basis.

Erfahrung am DLR gesammelt

Zweitens gibt es für mich technologisch natürlich viele Punkte, die sich aus der Arbeit an kraftgesteuerten Robotern, dem offenen Roboterbetriebssystem ROS sowie auf Computer Vision basierter Software ergeben haben. Hier konnten wir in der letzten Dekade vieles trainieren und davon profitieren wir heute.

Drittens haben wir dadurch einen Eindruck, wie die Roboterentwicklung in den nächsten ein bis zwei Dekaden voraussichtlich verlaufen wird. Denn wir haben quasi in der Zukunft der Robotik gearbeitet.

Können Sie bitte konkrete Beispiele nennen, was wir künftig in der Robotik erwarten können?

Ein Beispiel sind die humanoiden Multisensorroboter, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen wie iRobot kennt. In unseren Laboren ist das schon Realität.

Kuka hat mit dem Leichtbauroboterarm (LBR) bereits eine DLR-Entwicklung marktfähig gemacht. Zudem sind auch andere Anbieter schon länger auf dem Markt aktiv. Sie sind also spät dran. Wie wollen Sie da Marktanteile gewinnen?

(lacht) Zunächst einmal: Unser Ziel ist es, der Tesla unter den Roboterherstellern zu werden. Wenn Elon Musk jetzt humanoide Roboter ankündigt, kann ich sagen, wir arbeiten schon zehn Jahre daran.

Zweitens bieten wir jetzt eine generalisierte Softwareplattform mit tiefem Hardware-Know-how. Wir bauen also nicht einfach Roboter. Denn unsere Kunden wie der Mobiltelefonhersteller Foxconn brauchen nicht den Roboter, sondern ein flexibles Fertigungssystem. Ein Roboter ist dafür nur eine der Schlüsselkomponenten.

Also ja, wir sind spät dran, was den Roboter an sich angeht, aber nicht, was die Fertigungslösung angeht. Das komplette Fertigungssystem, inklusive unserer Software und unserer Roboter, das ist unser Fokus.

Nebenbei: Wir haben den LBR selbst mitentwickelt. Ich selbst war Teil des Projektes und z. B. für die Hände verantwortlich. Wir haben da also schon lange Erfahrung und kennen den Markt nicht erst seit unserer Gründung 2018.

Foxconn ist Investor und Kunde

Ihr Investor Foxconn ist also auch Kunde? Nach meiner Kenntnis produziert das Unternehmen seine Roboter selbst. Liefern Sie also nun auch Roboter, um damit beispielsweise Smartphones für Apple zu montieren?

Was unsere Roboter dort in der Produktion machen, darf ich Ihnen nicht sagen. Was ich sagen kann ist, dass unsere Roboter und unsere Lösungen bei Foxconn in Montagelinien eingesetzt werden.

Können Sie weitere Beispiele und Kunden nennen, wo Ihre Roboter bereits eingesetzt werden?

Die großen Projekte unterliegen der Geheimhaltung. Da haben wir beispielsweise einige Kunden aus der Automobilindustrie – europäische Hersteller und Zulieferer, die wir in den Werken in Asien beliefern. Damit werden unter anderem Fahrzeuge poliert. Unsere medizinischen Roboter haben inzwischen die dritte klinische Prüfung bestanden. Das sind Untersuchungen mit Patienten, also der Einsatz am menschlichen Körper.

Wie viel Eigenentwicklung steckt in der Roboterhardware?

Wir entwickeln alles bei uns im Unternehmen, aber wir fertigen die Teile nicht selbst. Wir haben also keine Werkzeugmaschinen oder Ähnliches. Wir haben für die mechanischen Komponenten Zulieferer, ebenso wie für unsere Leiterplatten. Wir übernehmen dann die finale Montage und abschließende Tests sowie den Versand.

Welche Alleinstellungsmerkmale sehen Sie bei Ihrer Software?

Wir haben als erste industrielle Marke ein zuverlässig und stabil laufendes Robotik Operational Systems, ROS. In anderen Anwendungen mag es noch andere Hersteller geben, aber unsere Systeme laufen in Fertigungen. Außerdem ist unsere Software leicht zu nutzen. Wir wollen damit die Nutzung von Robotern so einfach machen wie die Bedienung von einem Mobiltelefon.

Bisher galt ROS als wissenschaftliche Lösung, die für die industrielle Anwendung nicht robust genug war. Haben Sie das gelöst?

Das ist richtig.

Ist das vergleichbar mit der quelloffenen Software Linux, die durch Dienstleister wie Red Hat für breite Anwendungen nutzbar wurde?

Linux- und Unix-Umgebungen sind bereits sehr stabil. ROS ist das von sich aus nicht. So gesehen ist das ursprüngliche ROS für mich ein gutes Bildungsprojekt, aber für den praktischen Einsatz nur halb fertig.

Denn ein Betriebssystem macht eigentlich nur zwei Dinge: das eine ist Kommunikationsmanagement und das zweite ist Prozessmanagement. Was dem allgemeinen ROS fehlt, ist der erste Teil, das Kommunikationsmanagement. Dadurch kommt es zu Informationsstaus und das System läuft instabil. Das heißt, hier ist das Software-Framework noch nicht finalisiert.

Inzwischen wird die Softwarekompetenz in vielen Bereichen höher bewertet als die Kompetenz in der Mechanik und Elektronik. Die hilft aber nicht, wenn die Hardware im Industrieumfeld unzuverlässig ist. Wie sehen Sie das?

Das ist der Punkt. Deshalb suchen wir uns Anwendungen, die ein tiefes Verständnis von Software und Hardware erfordern. Ich glaube übrigens nicht, dass Software allein uns in der Robotik zum Erfolg führen kann.

Produktion in Kaufbeuren

Sie planen eine Roboterproduk­tion in Kaufbeuren aufzubauen. Können Sie dazu schon Details nennen?

Wir haben über 2000 m² in Kaufbeuren und wollen dort die Produktion im dritten Quartal 2022 beginnen. Das bedeutet, wir montieren und testen die Roboter an dem Standort. Zur genauen Mitarbeiterzahl möchten wir uns noch nicht äußern.

Können Sie uns dazu bitte zumindest eine Größenordnung nennen. Werden dort eher zehn, 100 oder 1000 Menschen tätig sein?

In den nächsten zwölf Monaten werden es um die 100 Beschäftigte in der Fabrik sein.

Einen zweiten Standort neben München hat Ihr Unternehmen in Chinas Hauptstadt Beijing. Welche Rolle spielt dieser Standort?

Im Moment beschäftigt sich unser Team in Beijing speziell mit Hardware und Applikationen für den chinesischen Markt. Die Kerntechnologien entwickeln wir in Deutschland. Wir verkaufen die Produkte und Lösungen aber in viele Länder. Eine weitere Säule unseres Unternehmens ist ein entsprechendes Dienstleistungsangebot.

In China legen Sie einen starken Fokus auf Medizinanwendungen. Was machen Sie da genau?

Wir konzentrieren uns hier vor allem auf generalisierte Roboterarme, während wir für die Industrie komplette Systeme liefern. Das ist in der Medizin wichtig, weil hier Ärzte eingebunden werden müssen. Wir wollen Anwendungen also nicht komplett automatisieren, sondern nur die wichtigsten Komponenten für die medizinische Unterstützung per Roboter liefern. Einsatzbereich können dann beispielsweise Lösungen für Knie- und Hüftoperationen sein, aber auch für die Zahnbehandlung oder Ultraschalluntersuchungen.

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