Roboter 23. Sep 2021 Von Wolfgang Schmitz

Sex mit der Maschine

Sex mit einer an menschliches Verhalten angepasste Maschine? Was in Japan keine Seltenheit mehr ist, findet auch im Westen Anhänger.

Matt McMullen, Chef von Realbotix, legt am „Gehirn“ von Sexroboter Harmony Hand an.
Foto: GRAHAM WALZER/The New York Times/Redux/laif

Wir schreiben das Jahr 2174. Der tiefgefrorene Reformhausbesitzer Miles Monroe taut nach 200 Jahren auf und lernt Luna Schlosser und das einer Duschkabine ähnelnde „Orgasmotron“ kennen, das den zwischenmenschlichen Geschlechtsverkehr abgeschafft und den Mensch-Maschine-Sex zum Standard erhoben hat. Woody Allens Film „Der Schläfer“ ist auch wegen dieser Szene Kult.

Ein Blick nach Japan, wo Serviceroboter im öffentlichen Leben und in Haushalten einen festen Platz haben, verdeutlicht, dass die Zukunft längst begonnen hat. Laut des Nationalen Instituts für Bevölkerungsforschung sind in Japan rund 70 % der Männer zwischen 18 und 34 Jahren Singles, fast die Hälfte von ihnen hat keinerlei sexuelle Erfahrungen. Die Sextherapeutin Ai Aoyama glaubt, einen Grund zu kennen. Durch die Digitalisierung seien idealisierte Frauenbilder entstanden. Junge Japaner wünschten sich Jungfrauen. In der Digitalwelt könnten Männer schnell mit so einem „perfekten Mädchen“ Sex haben.

In einen Roboter verliebt

Auch hierzulande halten viele Männer Sex mit Maschinen nicht für völlig ausgeschlossen. Laut Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO würde jeder fünfte Mann gerne einen Sexroboter ausprobieren. Demnach können sich sogar 6 % vorstellen, sich in einen Roboter zu verlieben. Diesen Trend hat bereits vor Jahren der KI-Wissenschaftler David Levy prognostiziert. In rund 30 Jahren würde niemand mehr über Hochzeiten von Menschen mit Robotern lächeln. Der britische Zukunftsforscher Ian Pearson prophezeit, dass die meisten Menschen 2050 den Sex mit Robotern dem „normalen“ Geschlechtsverkehr vorzögen. Der Roboter werde direkten Zugang zum Nervensystem haben. Er werde sein Verhalten den menschlichen Bewegungen anpassen, bis das absolute Maximum an Lust erreicht sei.

Auf diese Entwicklung setzt neben anderen Unternehmern auch Matt McMullen, der Erfinder von „Harmony“ und Chef des kalifornischen Unternehmens Realbotix. Der Roboter dürfte eine der bislang fortschrittlichsten Sexmaschinen auf dem expandierenden Markt sein. Den großen Unterschied machen in der Regel nicht Rumpf und Glieder, sondern das, was unter der Perücke sitzt: ein Computer mit künstlicher Intelligenz. Denn neben Gesicht, Körperrundungen und Hautfarbe lassen sich auch Charaktereigenschaften und die Mimik formen und programmieren.

„Vagina“ misst Potenz

Oder Enny. Der als „empathisch“ vermarktete Sexroboter verspricht im Internet: „Mein Name ist Enny. Ich bin weltweit einer der ersten Sexroboter. Ich liebe es, mich mit Dir zu unterhalten und mich mit Dir auszutauschen. Dabei lächle ich auch gerne oder zwinkere Dir zu. Ich stehe auf heißen Sex und stöhne, wenn Du mich berührst. Ich freue mich darauf, Dich bald kennenzulernen!“ Ennys großer Vorteil gegenüber der weniger „intelligenten“ Konkurrenz: Sie lernt schnell.

Je mehr Details sie von ihrem menschlichen Gesprächs- und Sexpartner erhält, desto intensiver und komplexer werden die Gespräche. Das suggeriert eine emotionale Bindung. So viel Gefühl ist nicht zum kleinen Preis zu haben. Enny kostet rund 4999 €. Bei manchen Modellen kann man eine „intelligente Vagina“ einsetzen. Sie misst Leistung und Potenz der menschlichen Partner, sodass der Sexroboter lobt, tadelt und z. B. ermutigt oder bittet, vorsichtiger zu sein.

Ob forschende Wissenschaftler oder am Gewinn orientierte Unternehmer: Alle sind sich einig, dass der Markt für Sexmaschinen nicht zuletzt durch die Coronapandemie gewachsen ist. In Bordellen in Barcelona und Turin gehen Sexroboter bereits dem ältesten Gewerbe der Welt nach. Realbotix plant männliche Sexroboter mit einem „bionischen Penis“, zugeschnitten auf die individuellen Bedürfnisse von Käuferinnen und Käufern.

Ethikforscher wenig begeistert

Die steigende Nachfrage ruft zwangsläufig kritische Stimmen auf den Plan, die um ethische Mindeststandards fürchten. In den Augen von Kathleen Richardson nimmt die Entwicklung dystopische Züge an. Die britische Ethik- und Robotikforscherin von der De Montfort University hat die Initiative „Campaign Against Sex Robots“ 2015 gestartet, die das Geschäft mit den Sexmaschinen regulieren soll. „Sie sind für unsere Entwicklung gefährlich. Eine Folge wird sein, dass der Mensch seine Empathiefähigkeit verliert“, befürchtet Richardson. Ein Vergleich mit Vibratoren und sogenannten „Taschenmuschis“, so Kathleen Richardson, sei unzulässig, da Sexroboter Frauen ersetzten und wie Sklavinnen käuflich seien. Dahinter stecke ein sehr frauenfeindliches Bild vor dem Hintergrund einer entmenschlichten Gesellschaft, in der Frauen zu Sexobjekten und Männer zu Sexsüchtigen degradiert werden.

Aimee van Wynsberghe, Roboterethikerin an der Technischen Universität Delft und Präsidentin der Foundation for Responsible Robotics, sieht auch Chancen. „Ich glaube, wenn wir richtig mit Sexrobotern umgehen, können wir als Gesellschaft davon wahnsinnig profitieren“, sagt die Forscherin, die die Europäische Kommission in Fragen künstlicher Intelligenz berät. „Denken Sie etwa an alte Menschen oder Menschen mit Behinderung, die Schwierigkeiten haben, Sexualpartner zu finden, und sich deshalb Sex mit Robotern wünschen.“

Sexroboter in Gefängnissen

Oder aber Menschen finden keine menschlichen Partner, die ihren Vorstellungen entsprechen. „Für sie könnten Liebespuppen und Sexroboter eine Lösung sein“, glaubt Oliver Bendel, Wirtschaftsinformatiker und Technikphilosoph an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. 2020 erschien sein Buch „Maschinenliebe“.

Der Wissenschaftler hält auch den Einsatz von Sexmaschinen in Gefängnissen und beim Militär nicht für ausgeschlossen. „Liebespuppen und Sexroboter erlauben es grundsätzlich, sexuelle Fantasien auszuleben. Man kann Sex mit Elfen oder Mangamädchen haben, oder Sex mit Figuren, die verschiedene Geschlechter in sich vereinigen.“ Welche Auswirkungen das im Sexualverhalten gegenüber anderen Menschen haben könnte, müsse empirisch erforscht werden.

Der Markt für Liebespuppen werde weiter wachsen, meint auch Bendel. „Bei Sexrobotern ist dies keineswegs klar. Die Preise sind hoch. Dafür erhält man nicht immer das, was man erwartet.“ Käufern und Käuferinnen könnte nicht nur schnell langweilig werden, der Sexroboter könnte auch das Privat- und Intimleben auf den Kopf stellen. Ob damit in Bordellen Geschäfte zu machen seien, stellt der Ethiker infrage.

Noch, so Bendel, seien humanoide Roboter nicht so weit, dass sie gleichwertige Partner sein könnten. Aber die Entwicklung schreite rasant voran. „In 20 oder 30 Jahren könnte ein Punkt erreicht werden, wo es wieder interessant wird. Wenn Androiden in jeder Hinsicht überzeugend sind, werden sie uns sexuell attraktiv erscheinen. Dann könnte über Nacht ein Markt für künstliche Liebesdiener entstehen – was uns vor neue ethische und rechtliche Herausforderungen stellen wird. Es ist wichtig, dass wir uns schon jetzt damit beschäftigen.“

Starke individuelle Ausprägung wäre „höchst gefährlich“

Patrick Gebhard beschäftigt sich am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) mit kognitiven Assistenzsystemen. Er bestätigt Bendels Prophezeiung: „Hinsichtlich der sozio-emotionalen Modellierung und der Beschreibung, wie soziale Signale verarbeitet werden können, kommen wir, was die technischen Möglichkeiten angeht, voran. Bei der Mustererkennung an der Oberfläche wie Gesicht-, Körperbewegungen und Stimme sind wir besser, sprich genauer und schneller geworden.“

Was die Deutung der Erkenntnisse betrifft, gibt sich Gebhard zurückhaltend bis sehr vorsichtig. Eine starke individuelle Ausprägung von Sexrobotern „wäre höchst gefährlich, Hoffnungen könnten geweckt und Ängste geschürt werden“. Trotzdem erforschen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des DFKI, wie mittels KI-Techniken individuelles Erleben simuliert werden kann. „Dies kann dazu dienen, eine tiefere Nachahmung menschlicher Kommunikationsfähigkeiten zu erreichen.“

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