Automation 30. Nov 2015 Barbara Odrich

Japan entdeckt Industrie 4.0 für sich

Kompetenz in Robotik: Japans Regierung will ihre Aktivitäten zur Digitalisierung der Produktion mit dem Robotik-Know-how ihrer Industrie unterstützen.
Foto: Yaskawa

Die japanischen Wirtschaft hat ein Zauberwort entdeckt: Es lautet „Industrie 4.0“ oder auch die „vierte industrielle Revolution“. Inzwischen hat sich auch die Regierung in Tokio das Thema groß auf die Fahnen geschrieben. Für Premierminister Shinzo Abe ist die Digitalisierung der Fertigungstechnik zu einem integralen Teil seiner Revitalisierungspolitik für die Wirtschaft in Japan geworden. Die Diskussion um dieses für die japanische Industrie mittlerweile sehr wichtige Thema ist von Bewunderung für die Vorbild- und Vorreiterrolle Deutschlands geprägt. Fast zwei Jahre hat sich Nippons Industrie Zeit gelassen, um auf die deutsche Initiative Industrie 4.0 zu reagieren. Zuvor war der Blick vornehmlich auf die Vereinigten Staaten und das „Internet der Dinge“ sowie Big Data gerichtet. Seit Anfang 2014 aber beobachtet und analysiert Japan mit großem Interesse die deutschen Anstrengungen zu Industrie 4.0. Im Sommer dieses Jahres trat das Land dann in Aktion. Rund 30 Konzerne gaben schließlich ihre eigene Initiative für eine Digitalisierung der Produktion bekannt.

Die japanische „Industrial Value Chain Initiative“ (IVI) soll Standards für eine Vernetzung von Fabriken erarbeiten und japanische Industriestandards weltweit verbreiten. Die IVI-Mitglieder wollen ein gemeinsames Kommunikationsprotokoll für die Verbindung der Fabriken und Anlagen entwickeln und ihre Sicherheitstechniken standardisieren.

Lange Zeit haben Japans Firmen ihre IT-Systeme selbst entwickelt und benutzten kaum Open-Source- und andere Standard-Software. Das soll sich nun ändern. „Wir beabsichtigen, eine Struktur aufzubauen, die selbst kleine und mittelgroße Unternehmen über das Internet verbindet – über die Konzerngesellschaften hinaus und branchenübergreifend“, erläutert der Organisator der Initiative, Yasuyuki Nishioka, Experte für Betriebs- und Informationstechnik an der Tokioter Hosei Universität. Zu den beteiligten Firmen zählen Mitsubishi Electric, Fujitsu, Nissan Motor, Panasonic und andere japanische Industrieunternehmen aus der Autobranche, dem Maschinenbau, der Elektronik und Informationstechnik.

Die große Stärke Japans liegt im Bereich der Industrieroboter, die in der Industrie 4.0 ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Nippons Regierung will im Zuge der Initiative „Robot Revolution“ den Markt für Industrieroboter vom derzeitigen Wert von 600 Mrd. Yen (etwa 4,5 Mrd. €) bis 2020 verdoppeln. Für das kommende Haushaltsjahr haben Japans Ministerien umgerechnet 125 Mio. € zur Förderung von Robotertechnologien beantragt. Gleichzeitig arbeitet der Staat daran, Barrieren bei der Entwicklung neuer Technologien auf diesem Gebiet zu beseitigen. Als Beispiel wird eine geplante Testanlage in Fukushima genannt, wo Entwickler die neue Generation von Robotern testen können.

Nachholbedarf hat Japan dagegen was die Bereiche Cloud Computing oder Big Data angeht. Ichiro Sakatata, Professor an der Universität Tokio, führt Japans dortige Schwäche auf die fehlende Technologie, den Mangel an entsprechenden Fachkräften, fehlende Geschäftsmodelle und eine unzureichende Basis im sozialen Austausch zurück.

Zudem wurde die Cybersicherheit lange Zeit eher vernachlässigt. Oftmals gelten die Systeme daher als anfällig für Schadsoftware und technologisch nicht mehr auf dem aktuellen Stand. So ist Windows XP in vielen Unternehmen immer noch der Standard. Nun sehen Experten die Anbindung der Computer von Zulieferern und Herstellern an den eigenen Firmenverbund als eine riesige technische Herausforderung.

In Japans großem Interesse an Industrie 4.0 schwingt aber auch die Befürchtung mit, dass sich hier eine neue Wettbewerbsfront auftun könnte. „Japans Wirtschaft könnte stark ins Hintertreffen geraten, wenn es nicht mit der nächsten industriellen Transformation Schritt hält“, kommentierte die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei kürzlich dazu.

Wie ernsthaft diese Sorge ist, zeigt auch eine jüngst ins Leben gerufene Brainstorming-Initiative der japanischen Regierung zur Industrie 4.0. Der Ausschuss für Wirtschaft und Industriepolitik im japanischen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) wird die Diskussion über eine neue Strategie leiten, in deren Mittelpunkt die „intelligente Fabrik“ und zentrale Kerntechnologien wie das Internet der Dinge sowie künstliche Intelligenz und sogenannte Cyber-physische Systeme – Maschinen, die über ein Netz miteinander kommunizieren – stehen.

Recht kritisch sieht Japan die deutsche Annäherung an China. Wie in einem Bericht im Nikkei Asian Review mit dem Titel „Deutsch-chinesische Allianz könnte Japan schaden“ zum Ausdruck kam, sieht die japanische Wirtschaft ihre Beziehung zu China stets mit größtem Argwohn und sorgt sich um die zukünftige Wettbewerbsposition.

Die Ankündigung des deutschen Softwareanbieters SAP, mit dem chinesischen Telekommunikationsausrüster Huawei bei der Entwicklung von Industrie-4.0-relevanter Technologie zu kooperieren sowie das große Interesse, das deutsche Vertreter aus Politik, Verbänden und Industrie gegenüber Chinas eigener „Made in China 2015“ benannten Strategie zur Modernisierung der heimischen Industrie zeigen, sensibilisiert Japan. Ohnehin ist das Verhältnis zwischen Japan und China historisch belastet.

http://www.iv-i.org

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