Architektur 14. Dez 2022 Von Jörn Schumacher

Design: Warum Natur als Vorbild das Wohlbefinden fördert

Warum empfinden wir die Natur und alte Häuser als schön, die Ballungszentren moderner Städte aber oft nicht? Es liegt am fraktalen Aufbau der natürlichen Dinge, haben Forschende herausgefunden. Sie fordern deshalb eine Architektur, die sich an modernen wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen orientiert.

Fachwerkhäuser zeigen eine fraktale Aufteilung.
Foto: panthermedia.net/chris77ho

Wer alte Prachtstraßen wie die Promenade „Las Ramblas“ in Barcelona abschreitet, merkt es sofort: Hier stehen viele schöne Häuser nebeneinander, was das Verweilen und Spazieren entspannend macht. Vollkommen gegenteilig fühlt sich für die meisten Menschen der Weg durch moderne Großstädte mit ihren großflächigen Häuserfronten aus Glas und Beton an. Woran liegt das?

Das psychische Wohlbefinden verändert sich messbar, je nachdem, ob man sich durch naturähnliche Räume bewegt oder durch künstlich eintönige. Das haben Forschende des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen herausgefunden. Sie haben mathematische und neurowissenschaftliche Methoden auf die Architektur- und Stadtplanung angewendet. Was der Natur ähnelt, wird von Menschen als angenehm empfunden, lautet eine ihrer Erkenntnisse. Das Geheimnis dahinter sind fraktale Muster. Doch was ist das überhaupt?

Was macht Formen aus der Natur aus?

Der französische Mathematiker Benoit Mandelbrot beschrieb bereits 1975 in einer Veröffentlichung, dass man viele in der Natur vorkommende Formen mathematisch als sogenannte Fraktale beschreiben kann. Das Wort erfand der Mathematiker selbst und bezeichnete damit einfache mathematische Figuren, die sich in sich selbst und auf verschiedensten Größenskalen immer wieder wiederholen. Mathematiker sprechen von Selbstähnlichkeit.

Eine rein funktionale Bauweise widerspreche indes dem, worauf sich unser Wahrnehmungssystem spezialisiert hat, sagt die Psychologin Aenne Brielmann. Fachwerkhäuser zeigten hingegen eine fraktale Aufteilung: Ein großes Haus enthalte abgetrennte Etagen, und innerhalb der Etagen gebe es wieder kleinere Elemente, die in sich weitere Elemente enthalten. Eine flache Glas- oder Betonfassade biete diese Abwechslung nicht, das Auge „wisse“ quasi nicht, wohin es seinen Blick wenden soll.

Botanik: Wenn Bäume Häuser designen

Brielmann und ihre Kollegen, der Architekt Nir H. Buras, der Mathematiker Nikos A. Salingaros und der Psychologe Richard P. Taylor, haben ihre Erkenntnisse Ende letzten Jahres in der Studie „What Happens in Your Brain When You Walk Down the Street?“ veröffentlicht. Die Menschen in den größten Städten sind am wenigsten glücklich. Die Rate an auftretenden Depressionen ist hier um 40 % höher als in der ländlichen Bevölkerung. Aber warum ist das so?

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