Wasserbau 23. Sep 2021 Von Fabian Kurmann

Emscher: Die letzten 100 Tage mit Abwasser

Der Countdown läuft, bis die Emscher komplett abwasserfrei sein muss. Über mehr als 100 Jahre diente der Fluss als oberirdischer Abwasserkanal.

Bis Ende 2021 darf kein Abwasser mehr in der Emscher fließen. Bis der Fluss auch an seiner Mündung in Dinslaken renaturiert ist, wird es noch dauern. Der künftige Emscher-Verlauf innerhalb der neuen Mündungsaue (li.) ist schon deutlich erkennbar.
Foto: Andreas Fritsche/EGLV

Über ein Jahrhundert war es ein widerwärtiger Ort. „Im Stadtteil Barop riecht es plötzlich nach faulen Eiern, in Dorstfeld liegen ätzende Schwaden über der Wasseroberfläche, in Holthausen macht sich eine schwere Süße breit. Kein Fluss der Welt ist so abwechslungsreich in seiner Abscheulichkeit, keiner bietet bei aller monotoner Traurigkeit so viele Überraschungen.“ So beschrieb Michael Holzach die Emscher.

Der Journalist starb bei einem tragischen Vorfall in dem Fluss, der die Abwässer der gesamten Emscherzone im nördlichen Ruhrgebiet mit 2,4 Mio. Einwohnern oberirdisch ableitet. Nun wird auch diese Praxis ihr Ende finden. Heute sind die letzten 100 Tage mit Abwasser in dem Gewässer sind angebrochen. Nach dem 31. Dezember 2021 darf sie nur noch Grund- und Regenwasser führen, fast wie ein normaler Fluss.

Riesiges Bauprojekt schafft eigenen Kanal

Der Abwasserkanal Emscher und seine drei Pumpwerke: Der 51 km lange Kanal verläuft von Dortmund bis Dinslaken. In 8 m bis 40 m Tiefe fließt das Abwasser mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h. Dafür ist ein Gefälle von 1,5 Promille notwendig. Würde der Kanal mit diesem Gefälle in einer Linie verlaufen, würde er Dinslaken in 80 m Tiefe erreichen – zu tief, um das Abwasser anschließend in die Kläranlage Emscher-Mündung in Dinslaken zu heben. Das Gefälle wird stattdessen durch drei gigantische Pumpwerke ausgeglichen: in Gelsenkirchen, Bottrop und in Oberhausen.
Foto: Michael Walkstein/EGLV

Möglich wird das durch ein riesiges Bauprojekt in der Wasserwirtschaft. Allein in den Hauptkanal wurden 1,2 Mrd. € investiert. Das gesamte Projekt hat annähernd 5 Mrd. € gekostet. Ziel ist, dass Abwässer, die vorher oberirdisch durch den Fluss transportiert wurden, nun getrennt in einem eigenen Kanalnetz verlaufen. Der Emscherkanal ist der sogenannte Hauptsammler, der Tiefpunkt also eines Abwassersystems, in dem die Brühe nun unterirdisch fließt. Bei einer Länge von 51 km und einem benötigten Gefälle von 1,5 Promille hatte die Emschergenossenschaft den Kanal in 80 m Tiefe verlegen müssen, wäre er in einem geraden Stück gebaut worden.

Ein Blick in den Maschinenraum 2 im Inneren von Deutschlands größtem Schmutzwasserpumpwerk: Zehn Pumpen werden das Abwasser aus einer Tiefe von rund 40 m heben – mit einer Maximalleistung von 16 500 l/s.
Foto: Rupert Oberhäuser/EGLV

Stattdessen entschieden sich die Ingenieure für den Bau von drei riesigen Pumpwerken. Wie ein Aufzug befördern sie das Wasser aus bis zu 40 m Tiefe wieder nach oben, damit der nächste Kanalabschnitt wieder näher an der Oberfläche verlegt werden kann. Insgesamt sind es drei Pumpwerke: Die beiden in Gelsenkirchen und Bottrop gingen 2018 in Betrieb, das dritte und größte in Oberhausen wurde im August in Betrieb genommen.

Gute Erfahrung mit Pumpwerken

Das Pumpwerk Oberhausen ist das größte der drei und wurde im August 2021 in Betrieb genommen.
Foto: Rupert Oberhäuser/EGLV

Technisch sind die Bauwerke – bis auf ihre große Förderhöhe von 25 m bis 35 m – nichts Außergewöhnliches, sagt Reinhard Keteler, Gebietsmanager für den Emscher-Hauptlauf und Gesamtprojektleiter des Projekts Abwasserkanal Emscher (AKE), zu dem eben auch die Pumpwerke gehören. „Die Erfahrungen mit Pumpwerken sind bis jetzt gut“, erklärt er. „Sie fördern bis zu 16,5 m3/s und laufen stabil.“ An Technik verbaut wurde nur, was sehr erprobt ist, von dem man wisse, dass es funktioniere.

Das Pumpwerk Oberhausen im Querschnitt: Das Bauwerk ist in einer 46 m tiefen Baugrube entstanden. Zehn mächtige Pumpen sind nötig, um das Abwasser aus einer Tiefe von rund 40 m zu befördern.
Foto: EGLV

Bei der Planung hingegen hat sich das Team weiterentwickelt. Das letzte Pumpwerk in Bottrop wurde komplett 3-D-modelliert und in der Planungsmethode des Building Information Modelings – kurz BIM – geplant. Dabei wird schon viel festgelegt und im Detail geplant, bevor der Bagger rollt. In die Realität umgesetzt hat die Planung für dieses Pumpwerk der österreichische Baukonzern Porr. Die anderen beiden sowie der größte Teil der Kanalstrecken wurden noch konventionell geplant.

Autonomes Kanalinspektionssystem

Blick in den 51 km langen Abwasserkanal Emscher (AKE).
Foto: Rupert Oberhäuser/EGLV

Digitale Daten wird auch das autonome Kanalinspektionssystem liefern, das in den ersten drei Jahren den Hauptkanal auf seiner kompletten Länge zweimal durchfahren muss. Das System wurde extra für dieses Projekt entwickelt.

Renaturierte Emscher in Dortmund-Deusen: In weiten Teilen sind die Emscher und ihre Nebenläufe bereits von der Emschergenossenschaft vom Abwasser befreit und renaturiert worden. Bis Ende Jahres 2021 muss die gesamte Emscher abwasserfrei sein. Die Renaturierung wird hingegen noch länger dauern.
Foto: Klaus Baumers/EGLV

Bis zur Deadline Ende des Jahres gibt es aber noch einiges zu tun. Denn während der Hauptlauf nun fertiggestellt und in Betrieb gegangen ist, müssen noch diverse Nebenläufe an das System angeschlossen werden. Dies geschied in den nächsten 100 Tagen. Dann wird der Fluss in einem ersten Schritt von neuem Abwasser verschont bleiben.

Die Renaturierung wird noch länger dauern. In Dinslaken wird aktuell an einer renaturierten Flussaue gearbeitet. Die Emscher wird künftig 500 m weiter nördlich in den Rhein münden. Aktuell fließt sie noch über ein sogenanntes Absturzbauwerk, das eine bis zu 6 m hohe ökologische Barriere zwischen den beiden Flüssen bildet. Doch mit jedem Tag verwandelt sich der ehemalige Abwasserkanal wieder zurück in einen – zumindest naturähnlichen – Fluss.

Bis Ende 2021 darf kein Abwasser mehr in der Emscher fließen. Bis der Fluss auch an seiner Mündung in Dinslaken renaturiert ist, wird es noch dauern. Der künftige Emscher-Verlauf innerhalb der neuen Mündungsaue (li.) ist schon deutlich erkennbar.
Foto: Andreas Fritsche/EGLV

Tags: Umwelttechnik

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