Gebäudeenergie 21. Dez 2021 Von Fabian Kurmann

Gutachten nennt neun effiziente Klima-Maßnahmen für Gebäude

Um schnelle Fortschritte auf dem Dekarbonisierungspfad machen zu können, hat der Zentrale Immobilien Ausschuss ein Gutachten erstellen lassen, um zu ermitteln, welche Maßnahmen aktuell den größten Effekt haben. Sie sollen die Basis für ein 100-Tage-Klimaschutz-Sofortprogramm sein.


Foto: PantherMedia / Randolf Berold

Deutschland will bis 2045 Treibhausgasneutralität erreichen. Doch in der aktuellen Situation sind schon die Klimaziele 2030 ambitioniert. Um möglichst schnell ins Machen zu kommen, hat der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) Fachleute des Karlsruher Institut für Technologie und des Steinbeis-Innovationszentrum (SIZ) beauftragt herauszufinden, welche Maßnahmen den größten Nutzen haben. Die Ergebnisse des Papiers mit dem Titel „Verantwortung übernehmen“ wurden vor Kurzem veröffentlicht. „Ein effektiver Klimaschutz und ein klimaneutraler Gebäudesektor sind möglich“, lautet das Fazit des Gutachtens. Entscheidend für den Erfolg seien Technologieoffenheit und -freiheit, damit sich die Lösungen durchsetzen, die CO2 am effektivsten vermeiden. Dies sehen die Autoren auch als Schlüssel für bezahlbare Mieten. Neun Ansatzpunkte haben die Wissenschaftler identifiziert:

1. Maßnahmen mit schneller Wirkung fördern

Eine schnelle Wirkung entfalten laut dem Gutachten unter anderem Betriebsoptimierung, der Ausbau und Anschluss an Fernwärmenetze sowie der Umstieg auf Wärmepumpen. Außerdem führen die Experten die Solarisierung der Dachflächen zur Stromproduktion an: Sie sprechen sich dabei gegen eine Verpflichtung zum Ausbau aus, und plädieren dafür, stattdessen eine kurze Amortisierungszeit ins Auge zu fassen. „Wenn im Sommer Überschussstrom ins Netz eingespeist werden muss, lohnt sich das für die Betreiber bei den niedrigen Abnahmepreisen nur durch Förderung“, sagt Ingenieur Norbert Fisch vom Steinbeis-Innovationszentrum.

2. Regularien einfacher veränderbar machen

Innerhalb Europas ist die Gesetzeslage im Gebäude- und Energiesektor heterogen, das gilt sogar innerhalb Deutschlands. Die Autoren des Gutachtens fordern die Regulatorik stringent vom Primärenergiebedarf auf Treibhausgasemissionen als Kriterium umzustellen. Erst das sogenannte Verursacherprinzip, bei dem die Emissionen dem Bereich zugeordnet werden, in dem sie entstehen, mache die Interaktion zwischen den Sektoren Energie und Gebäude sichtbar und erlaube es, Strategien für den Weg zur Klimaneutralität wirksam umzusetzen. Ein Beispiel: Wenn eine Gebäudehülle saniert wird, verbraucht das Gebäude weniger Energie. Der Fortschritt wird dem Energiesektor zugerechnet, nicht dem Gebäudesektor, der so weniger Anreiz zur Verbesserung hat. Auch die Bilanzierung von grauer Energie, die zur Erstellung von Gebäuden notwendig war, soll nach Ansicht der Forscher eine wichtige Rolle spielen.

3. Mehr energetische Sanierung im Bestand

Das Potenzial ist sowohl bei Wohn- als auch bei Nichtwohngebäuden groß, heißt es im Gutachten. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, die Förderung von Einzel- und systemischen Maßnahmen stärker auszubauen. Bei Neubauten sei der Hebel für CO2-Einsparung deutlich geringer.

4. Potenzial von Dämmung ist ausgereizt

Mehr Dämmung, als vom Gebäudeenergiegesetz gefordert wird, bringt laut den Wissenschaftlern nur geringe Einsparungen des Heizwärmebedarfs, dafür einen höheren Ressourcenaufwand. Daher fordern sie von einer Verschärfung der Anforderungen an die Gebäudehülle abzusehen.

5. Wärmeversorgung dekarbonisieren

Um Fossile Energieträger zeitnah durch erneuerbare Energien zu verdrängen, sollen Fern- und Nahwärmenetze ausgebaut und dekarbonisiert werden – also aus CO2-neutralen Energiequellen gespeist werden, heißt es im Gutachten. Ebenso soll strombasierte Wärmeerzeugung durch Wärmepumpen vorangetrieben werden. Ein stärkerer Quartiersansatz könne demnach Synergieeffekte zwischen einzelnen Gebäuden erreichen.

6. Transparenz durch digitale Betriebsdaten

Auf Basis der Digitalisierung sollen Strom- und Wärmeverbrauch transparent gemacht werden, sowohl für Eigentümer wie auch für den Nutzer. Damit soll der Verbrauch optimiert werden und die Treibhausgas-Emissionen sichtbar gemacht werden. Die Experten fordern die Einführung eines Indikators für die Intelligenzfähigkeit eines Gebäudes, so wie ihn auch die EU-Gebäudeeffizienzrichtlinie optional fordert. So soll der Gebäudebestand schneller digitalisiert werden können.

7. Förderung für echte Emissionsminderungen

Aufbauend auf dem digitalen Monitoring, sollen zusätzliche Fördermittel ausgezahlt werden für tatsächlich nachgewiesene Minderungen von Treibhausgas-Emissionen. Auf Basis der Datengrundlage könnte der Ausstoß kontinuierlich überwacht werden und die Förderung für einzelne Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit optimiert werden.

8. Fachkräfte und Ressourcen berücksichtigen

Die jährliche Sanierungsrate von 1 % des Bestands auf 2 % zu verdoppeln, ist laut den Wissenschaftlern auf dem deutschen Arbeitsmarkt aktuell nur schwer umsetzbar. Ursachen sind knappe personelle und materielle Ressourcen. Sanierungsverfahren müssten demnach möglichst ressourcensparend sein und die Planungs- und Genehmigungsprozesse sollten durch mehr Personal und durch digitale Verfahren beschleunigt werden.

9. Nationale Gebäudedatenbank

Als letzten Punkt fordern die Wissenschaftler von SIZ und KIT die Einrichtung eines nationalen, digitalen Gebäuderegisters, das Energiebedarf und Treibhausgas-Emissionen des Gebäudebestands vergleichbar machen soll. Im Gutachten schlagen sie vor, bereits bestehende Institutionen wie das statistische Bundesamt für den Aufbau der Infrastruktur zu verwenden.

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