Genetischer Ursprung des Menschen 27. Sep 2021 Von Bettina Reckter

DNA-Analyse: Genetische Abstammung der Etrusker entschlüsselt

Umfassende DNA-Analysen eines internationalen Forschungsteams deuten darauf hin, dass die Vorfahren der Etrusker wohl aus der osteuropäischen Steppe stammen. Sie kamen während der Bronzezeit nach Europa.

Schädel einer etruskischen Familie aus der Ausgrabungsstätte Casenovole (Grosseto), die im Rahmen der Studie analysiert wurden.
Foto: Stefano Ricci

Rund 800 Jahre v. Chr., in der Eisenzeit, begann in Mittelitalien die Hochphase der Etrusker. Sie waren wohl eng mit den Latinern in der Region Roms verwandt. Nun deutet eine Untersuchung an Überresten von 82 Individuen aus zwölf etruskischen Fundstätten in Mittel- und Süditalien auf Vorfahren aus der osteuropäischen Steppe hin, die während der Bronzezeit nach Italien und Europa kamen. Dies steht in starkem Kontrast zu früheren Vermutungen, wonach die Etrusker möglicherweise Zuwanderer aus Anatolien oder der Ägäis waren. Zudem vermuten die Forscher hier den Grund dafür, warum die Etrusker eine eigene, inzwischen ausgestorbene Sprache beibehielten, die mit keiner der bis heute in Europa vorherrschenden indogermanischen Sprachen verwandt ist.

 Die Studie war eine internationale Forschungskooperation. Die Leitung hatten Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen, Johannes Krause von den Max-Planck-Instituten für Menschheitsgeschichte und evolutionäre Anthropologie sowie David Caramelli von der Universität Florenz. Ihre Ergebnisse haben sie im Fachblatt „Science Advances“ veröffentlicht.

Besondere Fähigkeiten in der Metallbearbeitung, hoch entwickelte Kunst und eigene Sprache

Während der Eisenzeit bewohnten die Etrusker große Gebiete Mittelitaliens – vor allem die heutige Toskana, das Latium und Umbrien. Sie besaßen bereits besonderen Fähigkeiten bei der Metallbearbeitung, eine hoch entwickelte Kunst und eine Sprache, die noch nicht in allen Teilen entschlüsselt ist. Sie gehört zu keiner Sprachfamilie der indoeuropäischen Sprachen. „Die Etrusker traten so verschieden von ihren Nachbarn auf, dass in der Wissenschaft schon lange darüber diskutiert wird, ob diese Bevölkerung lokal entstand oder zugewandert war. Unsere Ergebnisse zeigen einen lokalen Ursprung“, erklärt Cosimo Posth.

 Ziehe man in Betracht, dass die in der Bronzezeit nach Italien zugewanderten Menschen aus der Steppe für die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen verantwortlich waren, sei rätselhaft, wie sich bei den Etruskern mehr als 1500 Jahre später eine ganz andere ältere Sprache erhalten konnte. „Diese sprachliche Beständigkeit über den genetischen Wandel hinweg stellt bisherige einfache Annahmen infrage, dass Gene und Sprachen zusammengehören. Wahrscheinlich war das Geschehen komplexer“, sagt David Caramelli. „Möglicherweise integrierten die Etrusker im zweiten Jahrtausend v. Chr. frühe italisch sprechende Menschen in ihre eigene Sprachgemeinschaft.“

Diese Frau, im 7. Jahrhundert v. Chr. in der Nekropole Poggio Renzo (Siena) begraben, wies das charakteristische genetische Profil der Etrusker auf.
Foto: Paolo Nannini

Ein genetisches Porträt der Etrusker erstellt

Für die Studie ausgewählt wurden von den Forschenden nun 82 Individuen, die den Zeitraum von 800 v. Chr. bis 1000 n. Chr. überspannen. „Wir sind schrittweise vorgegangen: Zunächst haben wir ein genetisches Porträt der Etrusker erstellt und dann über die Zeit verfolgt, welche Einflüsse sich durch eventuelle Zuwanderer oder Durchmischung mit anderen Populationen im Laufe von 2000 Jahren abzeichnen“, sagt Johannes Krause. Zwar müssten einige Individuen aus dem Nahen Osten, aus Nordafrika und Mitteleuropa nach Mittelitalien zugewandert sein, der Genpool der Etrusker ist aber wohl für mindestens 800 Jahre in der Eisenzeit und der Periode der Römischen Republik stabil geblieben.

„Ein großer genetischer Umbruch kam für die Menschen in Mittelitalien mit der Römischen Kaiserzeit. Damals mischten sie sich mit Populationen aus dem östlichen Mittelmeerraum, worunter wahrscheinlich auch Sklaven und Soldaten waren, die innerhalb des Römischen Reichs verschleppt oder umgesiedelt wurden“, sagt Krause. „Diese genetische Verschiebung bringt die Rolle des Römischen Reichs bei der Vertreibung und Umsiedlung von Menschen im großen Maßstab zutage.“

Luftbild von zwei etruskischen Gräbern in San Germano in Vetulonia (Grosseto) aus dem 6. Jahrhundert n. Chr.
Foto: Paolo Nannini

 DNA-Analyse ergibt genetische Verschiebung im frühen Mittelalter

Eine Analyse der genetischen Verwandtschaft der Mittelitaliener, die im frühen Mittelalter gelebt hatten, zeigte dann, dass sich Nordeuropäer nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs über die ganze italienische Halbinsel ausbreiteten. So durchmischten sich die Mittelitaliener mit germanischen Migranten, die zum Beispiel zur Zeit des Königreichs der Langobarden in die Region einwanderten. „Nach dieser frühmittelalterlichen Vermischung blieb die Population in den heutigen Regionen Toskana, Latium und Basilikata bis heute weitgehend stabil. Die genetische Zusammensetzung heute lebender Menschen in Mittel- und Süditalien hat sich in den letzten 1000 Jahren kaum verändert“, sagt Cosimo Posth.

Weitere Genomanalysen von Individuen aus den letzten 2000 Jahren aus ganz Italien sollen nun die Studienergebnisse im Detail erhärten. „Vor allem die Römische Kaiserzeit, in den ersten 500 Jahren unserer Zeitrechnung, scheint einen langfristigen Einfluss auf das genetische Profil der Südeuropäer gehabt zu haben“, sagt Posth. „Dadurch wurde die vorherige genetische Lücke zwischen Europäern und Menschen im östlichen Mittelmeerraum geschlossen.“

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