Intralogistik 12. Jan 2023 Von Stefan Asche

Kion Group entwickelt eigene Brennstoffzellen für Flurförderzeuge

Die Kion Group, Muttergesellschaft von Linde MH und Still, steigt in die Fertigung von Wasserstoffantrieben ein. Sie wird damit der erste Gabelstaplerhersteller auf dem europäischen Markt mit eigener Brennstoffzellenfertigung.

Bei den Kion-Töchtern Still und Linde MH sind schon seit Jahren Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb verfügbar. Nun sollen die benötigten Brennstoffzellen selbst entwickelt werden.
Foto: Still GmbH

Die Kion Group entwickelt und produziert künftig auch eigene Brennstoffzellensysteme für seine Flurförderzeuge. Dafür plant der weltweit agierende Intralogistikkonzern mehr als 11 Mio. € zu investieren. Im Frühjahr dieses Jahres wird er ein eigenes 24-Volt-Brennstoffzellensystem für Lagertechnikgeräte auf den Markt bringen. Die Vervollständigung des Brennstoffzellenportfolios soll in den kommenden Jahren folgen. Damit können die Kion-Marken ihren Kunden künftig alles aus einer Hand anbieten: Das Fahrzeug, die Brennstoffzelle und den dazugehörigen Service.

Sensorik erlaubt Staplerfahrern einen Röntgenblick

„Die Kion Group wird, Stand heute, der einzige Flurförderzeughersteller auf dem europäischen Markt mit einer eigenen Brennstoffzellenfertigung sein – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal“, sagt Rob Smith, Vorstandsvorsitzender der Kion Group AG. „Die Nachfrage unserer Kunden ist groß, und wir wollen mit dieser Technik den steigenden Anforderungen nach einer ressourcenschonenden und nachhaltigen Intralogistik in Verbindung mit schneller Betankung gerecht werden.“

Der Konzern plant, die ersten Fahrzeuge mit eigenen Brennstoffzellensystemen in diesem Jahr an Kunden auszuliefern.

Einmal Volltanken dauert maximal drei Minuten

Die Vorteile der Brennstoffzellentechnologie sind vielfältig. So erzeugt das Energiesystem im Betrieb keinerlei Emissionen – und ist damit prädestiniert für den Einsatz in geschlossenen Lagerhallen. Kommt der Wasserstoff zudem aus regenerativen Quellen, z. B. Biogas oder Elektrolyse durch Sonnen- oder Windenergie, ist der Einsatz zudem klimaneutral. Bei den Stopps an der Wasserstofftankstelle offenbart sich eine weitere Stärke des Energiesystems: Ein kompletter Tankvorgang nimmt gerade einmal ein bis drei Minuten in Anspruch. Damit werden Einsatzunterbrechungen minimiert und die Verfügbarkeit der Fahrzeuge gesteigert – große Vorteile im Mehrschichtbetrieb und bei großen Flotten. Dass keine giftigen Säuren oder andere Schadstoffe enthalten sind, ist ein weiteres Plus – nicht nur beim Thema Recycling, sondern auch in der täglichen Praxis: So ist der Brennstoffzellenantrieb etwa in hygienekritischen Branchen wie der Pharma- und Lebensmittelindustrie eine attraktive Alternative zur Blei-Säure-Batterie.

Auch eine eigene Erzeugung von Wasserstoff ist geplant

Parallel zur Entwicklung und Produktion der Brennstoffzellensysteme errichtet der Konzern auch eine eigene Wasserstofferzeugung am Standort Aschaffenburg. Die Arbeiten für eine staatlich geförderte Wasserstofftankstelle inklusive Elektrolyseur sind bereits so gut wie abgeschlossen. Nach Fertigstellung der Wasserstoffinfrastruktur sollen dort 21 Stapler mit Brennstoffzellenhybridsystem eingesetzt werden und einen Großteil der Stapler mit Verbrennungsmotor ersetzen, die derzeit dort im Einsatz sind.

Jahrzehntelange Erfahrung mit dem Energieträger

Dass Wasserstoff und Brennstoffzellentechnologie für die Intralogistik großes Potenzial bergen, haben die Marken der Kion Group bereits früh erkannt. Die Tochter Linde Material Handling GmbH (Linde MH) beschäftigt sich bereits seit 1997 intensiv mit dieser vielversprechenden Technologie und hat bereits 2010 erste Geräte in die Serienfertigung aufgenommen. Heute verfügt Linde MH über eins der größten Angebote an Flurförderzeugen mit Brennstoffzellenantrieb im Markt. Rund 80 % aller Modelle sind mit dieser zukunftsträchtigen Energievariante bestellbar. Dazu gehören neben Niederhubwagen, Schlepper oder Schubmaststapler auch Gegengewichtstapler.

Wie sich Energie im Lagerhaus einsparen lässt

Auch bei der Tochter Still GmbH (Still) ist die Technologie schon lange fester Bestandteil ihres Portfolios. Seit 2003 setzen die Hamburger bei Kunden regelmäßig Wasserstoffprojekte mit unterschiedlichen Fahrzeugtypen um. So betreibt Still bei einem Kunden in Frankreich derzeit eine der europaweit größten Staplerflotten mit Wasserstoffantrieb. Um seine Kunden auch in Sachen Brennstoffzellentechnologie umfassend zu beraten und zu unterstützen, ist Still eine Partnerschaft mit der Hydrogentle GmbH eingegangen, die Sonderanlagenbau projektiert, Machbarkeitsanalysen erstellt und Kunden zum Thema Wasserstoffinfrastruktur berät – auf Wunsch bis zur Übergabe einer fertigen Wasserstoffinfrastruktur zur Betankung von Flurförderzeugen.

Brennstoffzelle speist Batterie

Die Energiegewinnung mit Brennstoffzellensystemen erfolgt durch die chemische Reaktion von Sauerstoff (O2) und Wasserstoff (H2), die eine kompakte Lithium-Ionen-Batterie speist. Diese Hybridkombination treibt das Fahrzeug an, indem sie die Fahr- und Hubmotoren mit Energie versorgt. Die Brennstoffzelle erzeugt direkt an Bord des Fahrzeugs die elektrische Energie, die für den Betrieb des Staplers benötigt wird. Die einzigen Nebenprodukte, die bei der sogenannten „kalten Verbrennung“ anfallen, sind Wärme, Wasserdampf und reines Wasser.

Der Umsatz von Kion liegt bei über 10 Mrd. €

Die Kion Group ist als Intralogistikkonzern einer der weltweit führenden Anbieter für Flurförderzeuge und Supply-Chain-Lösungen. Der im MDAX gelistete Konzern ist, gemessen an verkauften Stückzahlen im Jahr 2021, in Europa der größte Hersteller von Flurförderzeugen. Ende 2021 waren weltweit mehr als 1,6 Mio. Flurförderzeuge und mehr als 8000 installierte Systeme der Kion Group bei Kunden verschiedener Größe in zahlreichen Industrien auf sechs Kontinenten im Einsatz. Der Konzern beschäftigt aktuell rund 40 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2021 einen Umsatz von rund 10,3 Mrd. €.

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