Folgen des Ukraine-Kriegs 11. Mrz 2022 Von Martin Ciupek

Maschinenbau senkt Wachstumsprognose für 2022 auf 4 %

Der Deutsche Maschinenbau erwartet nach einem Produktionswachstum 2021 auch für das laufende Jahr Zuwächse. Eine Blitzumfrage zeigt allerdings, dass viele Unternehmen hohe Risiken im Ukraine-Krieg sehen.

Vor allem Landtechnik liefert der deutsche Maschinen- und Anlagenbau in die Ukraine und auch nach Russland.
Foto: panthermedia.net/ paulgrecaud

Die Freude über das Produktionswachstum von 6,4 % im vergangenen Jahr gegenüber dem Jahr 2020 war diese Woche beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) gedämpft. Zwar wirkten gut gefüllte Auftragsbücher bei den Unternehmen stützend, doch zeigte eine Blitzumfrage bei den Mitgliedsunternehmen, dass neben weiter andauernden Lieferengpässen auch der Ukraine-Krieg deutliche Risiken birgt.

Besorgter Blick in die Ukraine

Laut einer Anfang März unter VDMA-Mitgliedern durchgeführten Blitzumfrage, sehen 85 % der knapp 550 Teilnehmer den Krieg zwischen Russland und der Ukraine als gravierendes oder merkliches Risiko für ihre Geschäfte. Insbesondere die indirekten Auswirkungen stehen dabei im Fokus: So erwarten knapp 80 % der Maschinen- und Anlagenbauer gravierende oder zumindest merkliche Folgen – beispielsweise durch eine weitere Energieverteuerung, die allgemeine Verunsicherung von Kunden oder durch die Rubelabwertung.

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VDMA-Präsident Karl Haeusgen machte dazu deutlich: „Für den Maschinen- und Anlagenbau ist die Geschäftstätigkeit mit Russland zwar nicht existenziell, aber die Unternehmen werden für den russischen Angriffskrieg einen Preis zahlen müssen.“ In Zahlen ausgedrückt: Russland rangiert inzwischen nur noch auf Platz neun im Ranking der wichtigsten Exportländer des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus. Die Ukraine befindet sich auf Platz 31 und Belarus auf Rang 53. Insgesamt entfalle – Stand 2021 – auf alle drei Länder zusammen ein Exportvolumen von 7,0 Mrd. €. „Hiervon werden wir aller Voraussicht nach deutliche Abstriche bis zum weitgehenden Ausfall machen müssen“, sagte Haeusgen. Besonders gefragt seien sowohl in der Ukraine als auch in Russland Landmaschinen aus Deutschland. Allein in der Ukraine machten die Lieferungen in diesem Bereich 40 % des Gesamtvolumens der von VDMA-Unternehmen gelieferten Produkte und Dienstleistungen aus.

Risiken für die Lebensmittelversorgung

„Beide Länder spielen eine ganz wichtige Rolle in der Versorgung der Welt mit Lebensmitteln wie Getreide und sind dabei auf Lieferungen aus dem deutschen und europäischen Maschinen- und Anlagenbau angewiesen“, betonte der VDMA-Präsident. Hier zeige sich, welche Auswirkungen die aus dem Konflikt resultierenden Sanktionen über seine Branche hinaus haben. „Es braucht daher mehr denn je einen schnellen Friedensschluss unter Wahrung der territorialen Integrität der Ukraine“, betonte er. Gleichzeitig werde an dem Beispiel deutlich, dass bei Sanktionsmaßnahmen Fingerspitzengefühl gefragt sei.

„Für den Maschinen- und Anlagenbau ist die Geschäftstätigkeit mit Russland zwar nicht existenziell, aber die Unternehmen werden für den russischen Angriffskrieg einen Preis zahlen müssen“, sagt VDMA-Präsiden Karl Haeusgen.
Foto: VDMA/Teichmann

Dennoch hat der deutsche Maschinenbau nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine schnell reagiert und unterstützt die Sanktionen. Haeusgen macht das am Beispiel seines Unternehmens Hawe-Hydraulik aus Aschheim bei München deutlich. Seine Firma habe sofort sämtliche Geschäfte mit Russland eingestellt und alle Datenverbindungen in das Land gekappt. Sein Unternehmen habe dort allerdings nur eine Vertriebstochter. Für in Russland produzierende Unternehmen sei die Situation ungleich schwieriger, zumal Russland bereits eine Enteignung westlicher Unternehmen angedroht hat, falls sich diese an Boykott- oder Sanktionsmaßnahmen beteiligten.

Zunehmende Bedrohung durch Cyberattacken

Mit Blick auf vernetzte Lösungen glaube er nicht, dass Maschine nun dümmer würden, nur weil man sie vom Netz nehme. Man dürfe dagegen das Risiko von Cyber­attacken nicht unterschätzen. „Wir haben in unserem Unternehmen die Maßnahmen gegen Cyberattacken noch einmal massiv hochgefahren“, berichtete Haeusgen. Sein Unternehmen sei Anfang der Woche aus Russland angegriffen worden. Das habe sich aber nicht ausgewirkt. Trotz der zunehmenden Cyberbedrohung hält er nichts davon, Russland aus dem World Wide Web auszuschließen: „Ich sehe darin keinen Nutzeneffekt, aber ich kann viele Schadeneffekte erkennen.“

VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann verwies ebenfalls auf die Unterschiede zwischen Unternehmen, die nur nach Russland liefern, und anderen, die dort selbst produzieren. „Es wird generell schwierig, wenn wir feststellen, dass überhaupt keine Lieferungen dorthin möglich sind“, sagte er mit Blick auf Sanktionen im Export und die gekappten Finanztransaktionen. „Davon sind natürlich auch die Wartung und die Ersatzteilversorgung betroffen“, erklärte Brodtmann. Damit gehe ein Verfall des Bestandes einher, der als Druckmittel gegenüber der russischen Regierung diene.

Prognose für 2022 nach unten korrigiert

Generell schwächte sich der Aufschwung im Maschinenbau nach Zahlen des Branchenverbands allerdings schon im vierten Quartal 2021 ab. Als Konsequenz aus der nun dazu gekommenen Ukraine-Krise korrigieren die VDMA-Volkswirte die bisherige Jahresprognose für 2022 zum realen Produktionswachstum von 7 % auf nun 4 %. Maschinen- und Anlagenbauer seien daher von einer niedrigeren Basis ins Jahr gestartet, aber mit gut gefüllten Auftragsbüchern. Die Prognose geht davon aus, dass der Krieg in der Ukraine nicht langfristig anhält und es auch keinen Energiepreisschock gibt. Solche Extremszenarien seien damit nicht abgedeckt.

Lieferketten bleiben weiter angespannt

Klar ist aber, dass erst einmal keine Verbesserungen bei den Lieferketten erwartet werden. Das zeigte sich auch in der Blitzumfrage, wonach die gestörten Lieferketten das aktuell vorherrschende Problem der Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sind: 32 % der Firmen sehen sich dabei mit gravierenden Schwierigkeiten konfrontiert. Weitere 42 % sprechen von merklichen Behinderungen. Mehrheitlich werde in den kommenden drei Monaten daher keine Entspannung erwartet. Nach VDMA-Einschätzung dürften sich darin allerdings die jüngsten Auswirkungen des Ukraine-Kriegs noch nicht niedergeschlagen haben, z. B. der Ausfall von Bahntransporten durch die Ukraine, Russland und Belarus sowie der Mangel an ukrainischen Lkw-Fahrern in Europas Transportunternehmen.

Engpässe werden aktuell hauptsächlich bei Elektronikkomponenten registriert. Für 52 % der befragten Unternehmen waren diese „gravierend“ und für weitere 28 % „merklich“. Bei Metallerzeugnissen sehen 10 % gravierende Einschränkungen und 44 % merkliche Folgen. Laut VDMA-Präsident Haeusgen stellen die Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau ihre Lieferketten daher um. Viel diskutiert wurde in der Öffentlichkeit dazu die Rückverlagerung der Produktion aus dem Ausland. Haeusgen stellte dazu fest: „Das am weitesten verbreitete Konzept ist nicht das Reshoring, sondern die Streuung des Risikos durch eine Diversifizierung der Beschaffungsmärkte – insbesondere in der geografischen Verteilung.“ Dass trotz angespannter Lieferketten 84 % der befragten Maschinenbauer auch in diesem Jahr ein Umsatzplus erwarten, zeigt für Haeusgen die Resilienz der Branche und ihre Fähigkeit, sich auf alle Krisen immer wieder neu einzustellen.

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Kommentar: Wirft der Ukraine-Krieg die digitale Produktion zurück?

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