Umweltverschmutzung 05. Mai 2022

Schwimmende Zäune fischen Plastik aus den Flüssen

Das Start-up Plastic Fischer GmbH aus Köln kämpft gegen die Meeresverschmutzung, indem es die am stärksten verschmutzten Flüsse der Welt von ihrer Plastikfracht befreit.

Barriere mitten im Fluss: Auftriebskörper halten verzinkte Stahlgitter in die Strömung. Der Plastikmüll bleibt hängen und lässt sich einfach abernten.
Foto: Plastic Fischer GmbH

Von Bettina Reckter

Experten schätzen, dass weltweit Jahr für Jahr zwischen 8 Mio. t und 12 Mio. t. Kunststoffmüll über die Flüsse ins Meer treiben, umgerechnet so viel wie etwa eine Lkw-Ladung pro Minute. Viele Initiativen engagieren sich, diese enorme Plastikflut aus den Ozeanen wieder herauszubekommen. Aber nur wenige tun dies praktischerweise an der „Quelle“, indem sie den Abfall bereits auf den Flüssen abfangen. Dies aber hat sich die Plastic Fischer GmbH, ein junges Start-up aus Köln, zum Ziel gesetzt.

Die Idee kam dem Juristen Karsten Hirsch, dem Biotechnologen Georg Baunach und dem Industriedesigner Moritz Schulz 2018 während eines gemeinsamen Urlaubs in Vietnam. Von ihrem Appartement aus blickten sie weit über das Mekongdelta und beobachteten, wie sich Plastik und anderer Unrat langsam aufs Meer zubewegte – in einem stetigen Band rund um die Uhr. Sie recherchierten, konnten aber kein Unternehmen finden, das sich dieses Problems sinnvoll annahm. Zurück in Deutschland tüftelten sie zunächst an einem Wasserrad, das Kunststoffverpackungen aus dem Fluss sammelt und sogar an Land hebt. Der Prototyp, zusammengebaut aus Materialien im Wert von gerade einmal 300 €, bestand seinen ersten Praxistest an einem Kölner Bach so gut, dass die drei Freunde beschlossen, die Sache auf eine solide Basis zu stellen.

Paywall

Sisyphos-Aufgabe am Citarum, dem dreckigsten Fluss der Welt

Im Frühjahr 2019 gründeten sie – eigenfinanziert – die Firma. Im Sommer zogen sie nach Indonesien. Das Land gilt nach China als zweitgrößter Meeresverschmutzer der Welt. Doch schnell stellte sich heraus, dass sich das Rad, das in Köln so erfolgreich war, für einen Einsatz in Südostasien nicht taugt, weil dort die Fließgeschwindigkeit viel geringer ist.

Kurzerhand nahmen die Freunde Kontakt zur indonesischen Armee auf, die sich gerade mit 1400 Soldaten der Sisyphos-Aufgabe stellte, den Citarum von Unrat zu reinigen. Der Fluss gilt als der dreckigste auf der ganzen Welt und fließt auf seinem Weg durch West-Java auch durch Bandung, die drittgrößte Stadt des Landes. Der indonesische Präsident hatte damals veranlasst, das Gewässer innerhalb weniger Jahre wieder auf Trinkwasserqualität zu bringen. So wurde auch den Freunden aus Deutschland gestattet, sich an der Arbeit zu beteiligen.

Schwimmender Zaun aus Materialien, die jeweils vor Ort verfügbar sind

„Moritz hatte dann die Idee, einen schwimmenden Zaun zu bauen“, erzählt Karsten Hirsch. Realisiert werden sollte das Ganze mit Materialien, die vor Ort verfügbar sind, damit die Einheimischen Bau und Reparatur jederzeit selbstständig durchführen können. Die Entwicklung selbst sei keine Rocket Science, meint Hirsch, sondern vergleichsweise simpel. Im Prinzip halten Auftriebskörper, in diesem Fall robuste PVC-Rohre, verzinkte Netze in verzinkten Stahlrahmen senkrecht in die Strömung, die den Plastikmüll von allein in die Gitter treibt. „Die Soldaten mussten quasi nur noch abernten“, beschreibt es der Geschäftsführer des Kölner Start-ups.

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„Die Menge an Plastik, die aus dem Fluss herausgeholt wurde, stiegt exponentiell an“, freut sich Hirsch. Mehrere Systeme wurden entworfen, ständig weiter daran gefeilt und getestet. Das mit den Zäunen aufgefangene Material wird sortiert, recycelbares wie PET, Aludeckel und Glasflaschen an lokale Wiederverwerter verkauft und sichergestellt, dass das Material in die Wertschöpfungskette zurückgelangt. Nicht recycelbare Fraktionen wie Folien und Multilayersysteme werden thermisch verwertet, sprich verbrannt. Jeder Schritt wird von einer unabhängigen Firma verifiziert und zertifiziert.

Bauanleitung und Erklärvideo zum kostenfreien Download

Die Technik selbst sei nicht die Crux, sondern eher die Logistik dahinter. „Wir organisieren den gesamten Prozess vom Technologiedesign über die Implementierung bis hin zum Sammeln, Sortieren und Verarbeiten.“ Das Design wurde als Open Source ausgelegt, Bauanleitungen mit Schnittplänen und Erklärvideo stehen zum kostenfreien Download auf der eigenen Website. Aktuell zählen 45 Vollzeitbeschäftigte zum Team, nur zwei davon arbeiten in Deutschland.

Die drei Gründer: Industriedesigner Moritz Schulz, Jurist Karsten Fischer und Investor Georg Baunach (v.l.).
Foto: Plastic Fischer GmbH

Wie aber damit Geld verdienen, wenn die Entwicklung kostenlos nachgebaut werden kann? „So entstand die Idee, dass Unternehmen uns fürs Sammeln und Verarbeiten pro Tonne Plastik bezahlen und hierfür von uns ein Zertifikat erhalten“, erklärt Hirsch. Sie zahlen hierbei für die Umweltdienstleistung, nicht für das Material selbst, welches lediglich vor Ort verarbeitet wird. Viele Firmen möchten sich von den Mitbewerbern abheben und mehr tun als „nur“ CO2 zu kompensieren. Das Plastic-Fischer-Logo schmückt nun Verpackungen von Kunden und das Engagement taucht in deren Nachhaltigkeitsberichten auf.

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Weltwirtschaftsforum zeichnet das Start-up als „Top Innovator 2022“ aus

Vom Weltwirtschaftsforum wurden die Plastikfischer dieses Jahr als „Top Innovator“ ausgezeichnet, erzählt Hirsch stolz. Daraufhin folgten Anfragen aus Südamerika, Indien und Afrika. Über 200 Organisationen haben das Paket mit der Bauanleitung runtergeladen und nachgebaut. Momentan konzentriert man sich auf Indien. Im vergangenen Jahr sind so 30 t Plastik gesammelt worden, dieses Jahr sollen es 300 t sein und 2023 die 1000-t-Marke geknackt werden. Karsten Hirsch: „Wir haben in verschiedenen Ländern gezeigt, dass das funktioniert, dass man damit auch Jobs schaffen kann. Nur das Geld muss von anderen Firmen kommen.“

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