IW-Konjunkturampel 19. Apr 2022 Von Michael Grömling

Wirtschaftliche Risiken des Ukrainekrieges sind schwer kalkulierbar

Die Folgen des Ukrainekrieges mindern massiv das Wirtschaftswachstum in Deutschland.

Die grünen Felder der IW-Konjunkturampel täuschen über die Perspektiven hinweg. Wegen der üblichen Verzögerungen zwischen Datenerhebung und Analyse sind die Folgen des Ukrainekrieges nicht vollständig abgebildet. Grafik: IW

Seit fast zwei Monaten gelten neue Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft. Zu den Beeinträchtigungen infolge der Coronapandemie kommen die Kriegslasten. Sie schaffen erhebliche zusätzliche Verunsicherungen und Gefahren und verstärken bestehende Probleme: Die globale Logistik funktioniert nicht reibungslos, Lockdown-Maßnahmen sowie krankheitsbedingte Personalausfälle stören die Liefer- und Produktionsnetzwerke, Preise schießen allein deshalb durch die Decke.

„Fast 80 % der Unternehmen melden eine große Belastung durch die explodierenden Energiepreise.“ Michael Grömling, Leiter der Forschungsgruppe Konjunktur (IW)

Harte Fakten zu den unmittelbaren wirtschaftlichen Kriegsfolgen in Deutschland liegen wegen der normalen Datenverzögerungen bislang kaum vor. Deswegen ist auch die IW-Konjunkturampel noch nicht im roten Bereich.

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Umfragen signalisieren bereits erhebliche Anpassungslasten. So markieren die Konjunkturumfragen des Instituts der deutschen Wirtschaft die explodierenden Energiepreise als das gegenwärtig größte Problem für die Unternehmen. Fast vier von fünf Unternehmen melden eine große Belastung ihrer Geschäftstätigkeit durch diesen Kostenschock.

Unternehmen fürchten Lieferausfälle

Seit Kriegsausbruch sind auch die Probleme in den Lieferketten erheblich angestiegen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen erwartet große Einschränkungen durch ausfallende Lieferungen – etwa von Bauteilen und anderen Produktionsmitteln.

Auf einem besorgniserregenden Niveau liegen auch die erwarteten Belastungen durch ausbleibende Gaslieferungen. Mehr als ein Drittel der Firmen befürchtet dadurch einen direkten Schaden. Dazu kommen Kaskadeneffekte, die bei den Unternehmen in den nachfolgenden Stufen der Wertschöpfungskette auftreten – und in der Befragung nicht direkt den möglichen Gasunterbrechungen zugeschrieben werden.

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Eine untergeordnete Rolle spielt Russland als Absatzmarkt. Nur eine kleine und sogar rückläufige Anzahl der Unternehmen rechnet aufgrund der Sanktionen mit relevanten Einbußen bei ihrer Geschäftstätigkeit.

Konjunkturprognosen wurden deutlich gesenkt

Angesichts der sich eintrübenden Erwartungen werden die Konjunkturprognosen für Deutschland deutlich gesenkt. Ohne eine weitere Eskalation einzupreisen, liegen die Wachstumserwartungen für Deutschland nur noch bei rund 2 % für dieses Jahr. Damit haben sie sich aufgrund des Krieges halbiert.

Werden einige dieser Annahmen zur weiteren geopolitischen Entwicklung und den ökonomischen Konsequenzen von der Wirklichkeit überholt, wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr sinken.

Ein erhebliches Risiko stellt ein abrupter Stopp russischer Gaslieferungen nach Europa dar. Modellrechnungen auf Basis bestimmter Annahmen liefern Größenordnungen für die weiteren Prognosekorrekturen.

Ausfälle von Rohstofflieferungen bedrohen die Produktion

Eine Rezession ist in diesem Fall unvermeidbar – das Ausmaß ist jedoch offen und strittig. Die Lasten des Krieges wirken auf eine immer noch angeschlagene Volkswirtschaft ein. Eng aufeinander abgestimmte Wertschöpfungsketten und vor allem Ausfälle von relevanten und nicht vollständig substituierbaren Rohstoffen können nicht nur zu kurzfristigen und vorübergehenden Produktionseinschränkungen führen.

Es besteht die Gefahr eines vollständigen Produktionskollapses von Unternehmen und Branchen und einer langfristigen Schädigung des Produktionspotenzials. Diese dynamischen Effekte sind kaum zu kalkulieren.

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