Recycling 05. Sep 2014 Notker Blechner

Altglas automatisch nach Farben sortiert

Weiß, grün oder braun? Vielleicht ist das lästige Trennen nach Farben am Altglascontainer schon bald nicht mehr nötig. In der belgischen Hafenstadt Antwerpen hat der französische Sita-Konzern eine Recyclinganlage errichtet, die das Altglas mit hochpräzisen Kameras und Sensoren automatisch sortiert.

Lästiges Sortieren: In Antwerpen gibt es bereits eine Maschine, die Altglas eigenständig nach Farben sortiert.
Foto: panthermedia.net/w73photo

Auf den ersten Blick wirkt alles etwas ungeordnet. Flaschen in allen Farben lagern vor der Anlage „High5“ des Gemeinschaftsunternehmens von Sita und Sibelco in Antwerpen. „So kommt hier ein Großteil der Ladung an“, erklärt Mathieu Berthoud, Projektleiter von Sita Belgien.

Einige Schritte weiter erkennt man bereits, was die Anlage zu leisten vermag. Aus Rohren rieseln die aufbereiteten Glasscherben körnchengroß und fein sortiert nach Farben in die zuvor aufgestellten Behälter. Aus diesem Endprodukt lassen sich dann wieder neue Flaschen herstellen.

Bis aber aus dem Altglas wiederverwendbares Material wird, ist es ein langer Weg. Erst müssen Arbeiter störende Stoffe wie Plastik, Schraubverschlüsse, Metall und Papier aussortieren. „Wir haben sogar schon Schusswaffen gefunden“, berichtet der Projektleiter kopfschüttelnd.

Den Rest der Sortierarbeit erledigen die Maschinen. Fremdstoffe, die leichter als Glas sind, saugen sie ab. Magnete entfernen Metallpartikel. Nach der Grobtrennung werden die Altglasscherben von Brechern zerkleinert und zum eigentlichen Kernstück der Anlage geleitet: der optischen Trennung. Minikameras analysieren jedes einzelne Stück Glas und finden heraus, welche Farbe es hat.

Schneller als es das bloße Auge wahrnehmen kann sieben die 20 hochsensiblen Maschinen die Glasfraktionen aus und trennen sie nach vier Farben: weiß, grün, braun – und bunt. Diese landen schließlich im richtigen Container.

In der optischen Sortierstufe werden zudem noch verbliebene Störstoffe im Sammelglas wie Keramik, Stein und Porzellan eliminiert. Denn da sie nicht schmelzen, könnten sie im Recyclingprozess schaden.

Hinsichtlich Größe, Technik und der Qualität des Endprodukts sei die im Herbst 2013 in Betrieb genommene Anlage „einzigartig in Europa“, meint Berthoud stolz. Sie kann bis zu 250000t Altglas pro Jahr behandeln. Zusammen mit einer weiteren Anlage in Charleroi liegt die Kapazität bei 400000t/a. Das ist die Hälfte des gesamten Benelux-Markts.

Das optische Trennverfahren hat nach Ansicht von Manager Berthoud Vorteile für die Recycler, die Glasindustrie und die Verbraucher. „Damit lässt sich das Altglasrecycling deutlich effizienter und kostengünstiger betreiben“, erklärt er.

Der Wechselbetrieb von Weiß- und Buntglas-Recycling entfällt. Sammelfahrzeuge können das Altglas gemeinsam abholen. Und die Verbraucher müssen am Glascontainer nicht mehr lange überlegen, ob die Weinflasche und das Vorratsglas nun zum Weiß-, Braun- oder Buntglas gehört.

Sita rechnet mit Einsparungen von 100000t CO2, 321000MWh Energie und über 250000m³ Wasser. Noch mache Glasrecycling einen kleinen Teil am Gesamtumsatz aus. Der nach eigenen Angaben weltgrößte Entsorgungskonzern ist eher im Hausmüll- und Kunststoffrecycling tätig.

Die Franzosen sehen für diese Technologie enormes Marktpotenzial vor allem in aufstrebenden Schwellenländern. „Die Anlagen sind für osteuropäische Länder ideal“, meint Philippe Cros, Europa-Chef von Sita. In Polen und der Türkei sei das Interesse groß, sagte er gegenüber VDInachrichten. Derzeit würden in der EU nur rund 70% aller Glasverpackungen recycelt.

In Deutschland hingegen scheinen die Einsatzmöglichkeiten für die automatische Altglastrennung nach Farben begrenzt. Beim Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) hält man den Prozess für extrem aufwendig. Ein Sprecher bemängelt den enormen Maschineneinsatz und den hohen Energieverbrauch. Und bei hochwertigen Glassorten erziele die Anlage kein gutes Ergebnis. Der BDE hält deshalb das etablierte Verfahren der Getrennterfassung von Glassorten wie Weiß- und Buntglas für denbesserenRecyclingansatz.

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