Umstrittene EU-Taxonomie-Verordnung 30. Sep 2021 Von Stephan W. Eder

Klimaschutz: EU-Kriterien für grüne Investments können Schiffe der Zukunft verhindern

Die geplante Finanzmarkt-Taxonomie der EU könnte die Entwicklung einer klimaneutralen Schifffahrt konterkarieren. Dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau zufolge sind vor allem Zukunftskonzepte wie Antriebe mit grünem Ammoniak in Gefahr.


Foto: panthermedia.net/ScorpionPL

Die EU will möglichst schnell Klimaneutralität erreichen. Green Deal heißt das ehrgeizige Programm, und um Europa schnell zukunftsfähig zu machen, soll auch Geld möglichst in „grüne“, ökologisch nachhaltige Investitionen fließen. Das Werkzeug dazu heißt Taxonomie, ein ganzer Kriterienkatalog steht dahinter, der hart umkämpft ist. „Mit Blick auf die Schifffahrt hat der bisherige Verordnungsentwurf aber einen großen Webfehler“, teilte der Fachverband VDMA Motoren und Systeme heute Morgen mit. In diesem Fachverband sind im VDMA die Hersteller von Verbrennungsmotoren für industrielle Anwendungen sowie deren Zulieferunternehmen organisiert, zu denen auch die entsprechenden Unternehmen im maritimen Sektor gehören.

„Der gewählte Ansatz, Schiffsemissionen ausschließlich am Schornstein zu bewerten, führt zwangsläufig in die Irre“, so Peter Müller-Baum, Geschäftsführer von VDMA Motoren und Systeme. Auf Deutsch: Wird am Ende ein Treibhausgas emittiert, könnte es schwierig werden, für solche Schiffe eine gute Finanzierung zu erhalten. Dabei setzt die Schifffahrt aber massiv darauf, dass sie weiter Verbrennungsmotoren einsetzen kann – aber angetrieben durch klimaneutrale sogenannte E-Fuels (s. u.), Kraftstoffe, basierend auf grünem Wasserstoff.

Schiffe mit E-Fuels sollen Schifffahrt auf den Weg zum Klimaschutz führen

„Die Industrie hat erfolgreich alternative Antriebskonzepte entwickelt, um Schiffe sauberer und zudem CO2-neutral antreiben zu können, etwa mit dem Ersatz fossiler Brennstoffe durch E-Fuels wie eAmmoniak oder eMethanol“, erklärt Müller-Baum. Die Verwendungsmöglichkeit dieser zukunftsfähigen Treibstoffe werde innerhalb der Taxonomie aber eingeschränkt bzw. teilweise ausgeschlossen. „Das ist nicht zielführend.“ 

Der VDMA fordert stattdessen, einen ganzheitlichen Ansatz zur Bewertung der Umweltauswirkungen heranzuziehen, wie dies auch für andere Wirtschaftsaktivitäten bereits definiert worden sei. Studien wie die des Motorenbauers MAN Energy Solutions haben schon vor Jahresfrist im Sinne des Klimaschutzes zukunftsfähige Antriebssysteme herausgearbeitet. Was den Klimaschutz angeht, gilt die weltweite Schifffahrtsbranche mit ihrem Dachverband IMO nicht gerade als Vorreiter. Bremsende Vorgaben, und sei es für die Finanzierung, würden den Klimaschutz für sie wahrscheinlich noch schwieriger machen.

EU verliert Schifffahrt beim Klimaschutz offenbar aus dem Blick

„Die EU-Kommission muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die besonderen Bedingungen der Schifffahrt bei der Festlegung der Nachhaltigkeitskriterien ausgeklammert hat. Die Taxonomie muss daher dringend nachgebessert werden, und zwar im Dialog mit der betroffenen Industrie“, fordert Müller-Baum. Die Nachhaltigkeitskriterien für Schifffahrt und Schiffbau seien in der bisher geplanten Taxonomie weder branchengerecht noch technologieoffen dargestellt und gingen teilweise am technisch Machbaren völlig vorbei.

Der VDMA setzt jetzt darauf, dass die Einspruchsfrist und damit der Prozess zur Erstellung der Taxonomie nun um zwei Monate verlängert worden sind. Die Branche hofft nun darauf, dass der Delegierte Rechtsakt in der vorliegenden Form abgelehnt wird, damit eine Überarbeitung erfolgen kann.

Schiffe mit grünem Ammoniak sollen Klimaschutz voranbringen

Die Bundesregierung hingegen steckt schon jede Menge Geld in die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft – und der darauf aufbauenden E-Fuels. So forschen in Mecklenburg-Vorpommern in einem Forschungsverbund namens Campfire mehr als 60 Unternehmen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach klimaverträglicheren Lösungen und zwar speziell an Ammoniak als maritimem Kraftstoff und Energiespeicher. Wird der aus Wasserstoff hergestellt, der mithilfe von Ökostrom produziert worden ist, aus sogenanntem grünen Wasserstoff, dann ist auch das Ammoniak grün.

E-Fuels nennen sich neudeutsch diese Energieträger. „Dieser Zyklus ist komplett kohlenstofffrei“, erklärt Angela Kruth, Mitarbeiterin des Leibniz-Instituts für Plasmaforschung und Technologie, die das Projekt Campfire koordiniert, der Nachrichtenagentur dpa. Der Clou beim Ammoniak für die Schifffahrt: Zum einen könnte Ammoniak als Kraftstoff genutzt werden, zum anderen könnten Ammoniak-Tanker die zukünftige Backbone-Infrastruktur für einen globalen Handel mit grünem Wasserstoff werden.

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