Sonderausstellung in Peenemünde zur V 2 09. Jun 2021 Von Peter Steinmüller

Das Rätsel der Raketenverzierung

Warum bemalten Techniker und Soldaten ihre Bomber und Raketen mit Glücksbringern und erotischen Motiven? Dieser Frage widmet sich die Sonderausstellung „Kunst und Waffen. Das militärische Ritual der Raketenverzierung“ im Historisch-Technischen Museum Peenemünde (HTM).

Die erste erfolgreich gestartete V 2 war mit einer in der Mondsichel sitzendenFrau bemalt. Über den Sinn solcher Verzierungen informiert eine neue Aussstellung in Peenemünde. Das Foto zeigt eine V 2 bei einem britischen Test nach Kriegesende.
Foto: Public domain

Am 3. Oktober 1942 gelang in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde der weltweit erste Start einer Großrakete. Bei der Serienproduktion der später als V 2 bekannt gewordenen Waffe kamen bis zu 20 000 KZ-Gefangene und Zwangsarbeiter ums Leben, rund 8000 Menschen starben beim Einschlag der Raketen in Südengland und Westeuropa. Adolf Hitler hatte vergeblich darauf gehofft, mit der „Vergeltungswaffe“ die totale Niederlage im Zweiten Weltkrieg abwenden zu können.

Auf dem Rumpf des Prototyps war eine in der Mondsichel sitzende Frau und die schematisierte Rakete gemalt. Angefertigt hatte das Bild der leitende Grafikdesigner der Heeresversuchsanstalt Gerd de Beek. Neben dieser Illustration sind 34 weitere nachweisbar, mit denen Raketen bei ihren Teststarts in Peenemünde verziert waren, und mindestens fünf auf Raketen in der Nachkriegszeit.

Warum de Beek dies tat und was sich die leitenden Ingenieure und Militärs davon versprachen, lässt sich mit Quellen nicht belegen.

Zusammenhang mit der Militärkultur

Aussagen können nur getroffen werden, indem man die Werke in den Zusammenhang mit anderen Bildern aus der Militärkultur stellt: Die „Tail Art“ (Kunst auf dem Heck) stand in der Tradition, Flugzeuge und anderes Kriegsgerät durch Bemalungen zu schmücken und zu individualisieren. Besonders in den angelsächsischen Ländern war es seit dem Ersten Weltkrieg verbreitet, auf Kontrolltürme von U-Booten und noch stärker auf Spitzen von Flugzeugen „Nose Art“ zu malen.

Über erotische Motive oder Glückssymbole stellten die Mannschaften eine persönliche Beziehung zur Technik her, von deren Funktionieren ihr Leben abhing. Außerdem gab es viele Motive, mit denen die Besatzungen ihre Macht ausdrücken oder den Kriegsgegner verhöhnen wollten.

Prägung durch den Nationalsozialismus

Die Motive und die Ästhetik der Bilder verraten einerseits die Prägung der Ingenieure und Offiziere in einer männlich dominierten, militaristischen und nationalistischen Kultur, die der Nationalsozialismus ins Extreme trieb und durch die das Regime auf viele Zeitgenossen hoch attraktiv wirkte. Andererseits wollten die Peenemünder eine gewisse Distanz zum Nationalsozialismus und der zerstörerischen Realität des Zweiten Weltkriegs ausdrücken. Damit symbolisieren die Bilder den spannungsreichen Charakter der Versuchsanstalten.

Der Kanadier Clarence Simonsen hat jahrelang zu den Raketenverzierungen geforscht. Er suchte in Archiven nach den noch vorhandenen Schwarz-Weiß-Fotos und malte alle überlieferten Motive nach, wobei er sie teilweise mit eigenen Interpretationen versah. Seine Sammlung, die er dem HTM geschenkt hat, ist neben historischen Fotos von Gerd de Beeks Originalen der Kern dieser Ausstellung. Die Motive werden, soweit möglich, historisch kontextualisiert. Mit der Ausstellung dieser Bilder wird ein vielfach beachteter, aber noch nie ernsthaft erforschter kulturhistorischer Aspekt der Peenemünder Raketengeschichte erstmals fundiert vorgestellt.

Einordnung in die Erinnerungskultur

Zu sehen sind 51 Fotos mit den Motiven Gerd de Beeks und die entsprechenden Gemälde Simonsens. Daneben stellen weitere Fotos und Objekte die Arbeit de Beeks und seines Graphischen Büros vor und ordnen die Malereien in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die heutige Erinnerungskultur ein. Auch einige Bruchstücke Peenemünder Raketen werden gezeigt, denen die Gemälde eindeutig zuzuordnen sind. Die Ausstellung der Bilder ermöglicht dem Besucher einen neuen Zugang zur Peenemünder Geschichte. „Ist es angemessen, dass ein historisches Motiv bis heute geradezu zum Logo eines nationalsozialistischen Rüstungszentrums geworden ist? Was sagen uns Glücksbringer auf Waffen, nackte Frauen auf großer Technik?“, fragen die Ausstellungsmacher.

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