Technikgeschichte 01. Aug 2014 Helmuth Trischler

Die Technisierung des Krieges

Die Großmächte sind vor 100 Jahren nicht unwissend in den Krieg hineingeschlittert, sagt der Technikhistoriker Helmuth Trischler vom Deutschen Museum in München und Autor des folgenden Artikels. Unter dem Strich wirkten der Erste Weltkrieg und auch die anderen Kriege kaum als Treiber des technischen Fortschritts.

Unterseeboote der US-Marine: Im Ersten Weltkrieg wurden U-Boote zum ersten Mal in großem Umfang für militärische Zwecke eingesetzt.
Foto: Reuters

Krieg als der Vater aller Dinge – diese viel zitierte Denkfigur des griechischen Philosophen Heraklit hat für die Entwicklung der Technik ihre Berechtigung. Von Archimedes über Leonardo da Vinci bis Fritz Haber und Frank Oppenheimer zieht sich eine lange Reihe herausragender Wissenschaftler und Ingenieure, deren weichenstellende Entdeckungen und Erfindungen wir vor allem einem Umstand verdanken: dem Interesse von Staaten, Kriege durch die militärische Nutzung technischer Neuerungen gewinnen zu können.

Helmuth Trischler

Helmuth Trischler, Leiter des Bereichs Forschung des Deutschen Museums in München.

Jahrgang 1958, Leiter des Bereichs Forschung des Deutschen Museums in München.

Er ist zudem Professor für Neuere Geschichte und Technikgeschichte an der LMU München und Direktor des Rachel Carson Center for Environment and Society.

Jüngstes Buch: Building Europe on Expertise: Innovators, Organizers, Networkers (Palgrave Macmillan 2014, gemeinsam mit Martin Kohlrausch).

Stimmt das Bild vom Krieg als Innovationsmotor auch für die industrialisierten Kriege des 20. Jahrhunderts? Vielfach ist bezweifelt worden, ob militärische Forschung und Entwicklung bei gleichem Einsatz von Mitteln jemals mehr zu leisten vermocht hat als zivile Technikförderung. So hat etwa die Uno in einer groß angelegten Untersuchung die Rolle des Militärs als technische Triebfeder in Abrede gestellt: Zivile Technikentwicklung werde durch militärische Forschung und Entwicklung nicht nur nicht gefördert, sondern sogar erheblich behindert – der Krieg als Fortschrittsbremse.

Für den Ersten Weltkrieg gilt das Spannungsfeld von Innovationsmotor und Fortschrittsbremse in besonderem Maße.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg häuften sich wissenschaftliche Entdeckungen und technische Erfindungen, erlebte Europa eine zweite industrielle Revolution, in deren Zentrum die neuen, von Wissenschaft geprägten Industrien der Chemie und Elektrotechnik standen. Bei Bayer, BASF, Agfa und Schering, bei Siemens und der AEG entstanden industrielle Forschungslaboratorien, in denen Naturwissenschaftler und Ingenieure Hand in Hand daran arbeiteten, systematisch neue Stoffe und Produkte zu schaffen.

In der Textilindustrie drangen halbsynthetische Fasern wie die Kunstseide auf die Märkte vor. In der Elektrotechnik eröffneten die bahnbrechenden Erfindungen der Glühlampe und des mehrphasigen Wechselstroms in Verbindung mit der darauf abgestimmten Kraftwerkstechnik zur Übertragung von Strom auf große Entfernungen ein breites Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten.

Auch der mobile Elektromotor fand breite Anwendung. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war es noch keineswegs ausgemacht, dass den von Verbrennungsmotoren angetriebenen Automobilen die Zukunft der Straße gehören würde. Elektrofahrzeuge waren zwar teurer als Benzin- oder Dieselautos, galten aber als sicherer, sauberer, zuverlässiger und einfacher im Gebrauch. Europa war am Vorabend des Ersten Weltkriegs für technische Neuerungen so offen wie nie zuvor.

Der Erste Weltkrieg unterwarf die Technik dann dem Tauglichkeitstext militärischer Praxis. Die Fülle wissenschaftlich-technischer Möglichkeiten schrumpfte auf ein verengtes Spektrum von Techniken zusammen, die sich unter den Bedingungen der Kriegsführung als praxistauglich erwiesen.

Dieser Zusammenhang lässt sich ebenfalls am Automobil gut veranschaulichen. Die Auswahl technischer Alternativen entlang militärischer Anforderungen hatte bereits in der Vorkriegszeit eingesetzt, als die europäischen Militärs die neuen Techniken auf ihre Einsatzfähigkeit in künftigen Kriegen zu testen begannen.

Diesen Tauglichkeitstest bestand das Kraftfahrzeug aufgrund seiner größeren Reichweite und seiner Unabhängigkeit von elektrischen Ladestationen besser als das Elektroautomobil. Für weit mehr als ein halbes Jahrhundert verschwand der Elektroantrieb von den Straßen und mit ihm ganze Felder, die wenige Jahre zuvor noch als aussichtsreiche Zukunftstechnologien gegolten hatten, so etwa die Solarenergie. Die Konzentration der personellen, materiellen und finanziellen Ressourcen auf den Krieg raubte nicht nur dem Solarkocher und dem Elektroautomobil, sondern in Deutschland etwa auch der Biotechnologie für lange Zeit ihre Entwicklungsmöglichkeiten – der Erste Weltkrieg als Fortschrittsbremse.

Die Technisierung des Schlachtfeldes ließ sich in den Kriegen vor 1914 schon in Ansätzen erkennen. Scharfsinnigen Zeitgenossen wie dem Finanzier und Industriellen Johann von Bloch war bewusst, dass die gewaltige Feuerkraft der modernen Waffen den Erfolg eines Angriffs unmöglich mache. Mit geradezu wissenschaftlicher Exaktheit nahm er in seinem sechsbändigen Werk über den „Krieg der Zukunft“ 1898 das vorweg, was sich im Burenkrieg, im Japanisch-Russischen Krieg, den beiden Balkankriegen und dann nach 1914 auf den Schlachtfeldern vollzog.

Und wie schon zuvor Jules Vernes imaginierte der englische Schriftsteller Herbert G. Wells eine revolutionäre Technisierung des Krieges. Seine 1908 erschienene Novelle „The War in the Air“ entwarf das Szenario eines strategischen Luftkriegs und gab der tiefsitzenden Furcht der Briten vor einer Invasion neue Nahrung.

Die politischen und militärischen Eliten der europäischen Großmächte verfügten über zahllose Hinweise, welche fatalen Folgen ein künftiger Krieg haben könnte, der unter Einsatz des gesamten industriellen und wissenschaftlich-technischen Potenzials der Nationen geführt werden würde. Unwissend und ahnungslos schlitterten sie nicht in den Ersten Weltkrieg.

Die durch den rapiden technischen Wandel der Waffenarsenale verunsicherten Militärs legten sich jedoch ein anderes Bild von dem Krieg der Zukunft zurecht, das sie davor bewahrte, sich mit den Auswirkungen des technischen Innovationsschubs an der Wende zum 20. Jahrhundert auf ihr Handwerk auseinandersetzen zu müssen. Nicht Physik, Mathematik und die daraus abgeleitete Technik würden Schlachten entscheiden, sondern die rassische Überlegenheit der eigenen Truppen.

Die Wirklichkeit des Krieges, in der sich die Generäle und ihre Soldaten im Sommer 1914 wiederfanden, war eine andere. Die Schlachten fanden in einem Raum statt, der hochgradig von Technik bestimmt war, und es war ein in allen drei Dimensionen erweiterter Raum. Unterseeboote dehnten den Krieg auf die Tiefe der Weltmeere aus. Das Flugzeug entwickelte sich von einer fragilen Technik zu einer diversifizierten, für vielfältige militärische Aufgaben einsetzbaren Waffe: Aufklärer, Jagdflugzeuge, Schlachtflugzeuge und Bomber wurden zehntausendfach gebaut und eingesetzt. Militär und Politik erkannten im Verlauf des Krieges die Bedeutung der Grundlagenforschung und deren Umsetzung in militärisch relevante Technik.

Der Torpedo, das Metallflugzeug, der Abgasturbolader, die Giftgasproduktion und insbesondere auch die zahlreichen synthetischen Ersatzstoffe sind Beispiele für Innovationen, die rasch den Weg aus den Labors der Naturwissenschaftler in die Truppe fanden. Gleichsam aus dem Nichts heraus entstanden in kürzester Zeit riesige Produktionsanlagen zur Massenfertigung von Kriegschemikalien. Unter Ausschaltung der Marktkräfte beschleunigte sich die Durchsetzung neuer, unter hohem Forschungseinsatz entwickelter Techniken, die in der Friedenswirtschaft noch nicht rentabel gewesen waren – der Erste Weltkrieg als Innovationsmotor.

Kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage: Fungierte der Erste Weltkrieg als Innovationsmotor oder bremste er den technischen Fortschritt ab? Beides ist richtig. Die Konzentration der kriegführenden Nationen auf den Krieg brachte auf einer Reihe von militärisch relevanten Gebieten zahlreiche Basisinnovationen und inkrementelle Neuerungen hervor. Zugleich verengten sich aber die Technikpfade, und viele Innovationen wurden verschüttet oder kamen erst mit Verzögerung zur Entfaltung. In der Gesamtschau deutet daher wenig darauf hin, dass der Erste Weltkrieg, der Krieg generell, als wirkungsvoller Treiber des technischen Fortschritts wirkte.

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