Studie der FernUniversität Hagen 17. Nov 2022 Von Wolfgang Schmitz/idw

Wer beim Fußball oder im Beruf pöbelt, schießt ein Eigentor

Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Pünktlich zu dem umstrittenen Großereignis bringen Wissenschaftler der FernUniversität Hagen eine Studie zu Emotionen auf dem Fußballplatz heraus. Das Fazit: Die Fassung verlieren bringt nichts. Das gilt für das grüne Rechteck, aber auch für Schule und Beruf.

Fußball kann Schaden verursachen. Oder: Spieler, die beim Spiel ausrasten, schaden dem eigenen Team. Diese These ist auf das Berufsleben übertragbar, so Wissenschaftler.
Foto: panthermedia.net/mj0007

Nicht immer ist es beim Fußballspiel der schönste Torschuss, die beste Ecke oder der weiteste Pass, der im Gedächtnis bleibt. Manchmal ist es auch das unsportliche Verhalten der Spielerinnen oder Spieler. Neben dem klassischen Foul gibt es auch noch Schubsen, Spucken oder Schimpfen. In den Fällen kochen Emotionen hoch, Spielerinnen und Spieler haben sich nicht im Griff, reagieren aggressiv oder gewalttätig. „Dieses Fehlverhaltens ist von Fouls abzugrenzen, weil es aus einem Verlust der Selbstbeherrschung resultiert und dem Team absolut keinen Vorteil bringt. Man könnte auch von Selbstsabotage sprechen“, sagt Hendrik Sonnabend von der FernUniversität. Er und sein Kollege Mario Lackner von der Johannes Kepler Universität Linz haben diese Form unsportlichen Verhaltens untersucht und wollten herausfinden, welche Attribute die Neigung zu individuellem Fehlverhalten auf dem Platz begünstigen.

Ungezügeltes Verhalten nimmt bei Spielern mit dem Alter zu

Ihre überraschenden Ergebnisse stützen die beiden Forscher auf Spiele der deutschen Männerbundesliga. Sie konnten für ihre Analyse auf einen Datensatz zurückgreifen, der alle Spiele der Saisons von 2014/15 bis 2018/19 umfasst. „Das sind ungefähr 40 000 Spieler-Spiel-Beobachtungen, in denen wir insgesamt 730 Fälle von Selbstsabotage gefunden haben.“

Die Technik hinter der Fußball-WM in Katar

Da diese Fälle nicht verfälscht werden sollten, mussten die beiden Wissenschaftler zunächst besondere Umstände identifizieren und „herausrechnen“. Ein besonders hitziges Derby wäre so ein Fall oder Schiedsrichter, bei denen die Strafkarten besonders locker sitzen. Schließlich blieben zwei Faktoren übrig, die das Schubsen anderer Spieler oder das Pöbeln auf dem Platz erheblich begünstigten: das Alter der Spieler und ihr Talent – oder zusammengefasst: ihr Status. Allerdings ganz anders, als die Forscher vermutet hatten.

„Wir haben gedacht, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich jemand falsch verhält, mit dem Alter abnimmt.“ Doch genau das Gegenteil ist der Fall. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass der emotionale Kontrollverlust mit zunehmendem Alter größer wird.“ Besonders anschaulich ist der Zusammenhang im Zehnjahresvergleich. „Man könnte sagen: Bei 30-jährigen Spielern ist die Wahrscheinlichkeit, auf dem Platz auszurasten, um 30 % höher als bei 20-jährigen. Die Annahme ‚Je älter, desto weiser‘ können wir also keineswegs bestätigen“, fasst Sonnabend die Ergebnisse zusammen.

Neben dem starken Einfluss des Alters sehen die Forscher emotionalen Kontrollverlust vor allem bei besonders talentierten Spielern. Weil sie in ihrer Untersuchung das Talent über den Marktwert abbildeten, konnten sie Unterschiede sehr präzise bis hinunter in einstellige Prozentbereiche messen. Dabei kam heraus: „Wenn der Marktwert eines Spielers nur um einen Prozentpunkt steigt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er auf dem Platz ausrastet – und zwar um 4 %.“ Ganz besonders extrem ist der Effekt daher bei den Überfliegern, den Profispielern mit Marktwerten in Millionenhöhe. „Bei Topspielern wie Erling Haaland oder Jude Bellingham liegt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie ausrasten im Vergleich zu weniger talentierten unserer Untersuchung zufolge bei über 50 %.“

Auch die Volkswirtschaft profitiert von den wissenschaftlichen Erkenntnissen

Doch warum ist das so? Sportökonom Sonnabend musste Kontakt zur Psychologie aufnehmen, um seine Beobachtungen erklären zu können. Dank des Tipps von FernUni-Psychologe Jonas Küppel stieß er dort auf die aus den 1970er-Jahren stammende Theorie des sozialen Lernens. Die Theorie besagt, dass sich Fehlverhalten verfestigt, wenn es folgenlos bleibt. Sonnabend: „Wenn in der Bundesliga vereinsintern gestraft wird, trifft es eher die Spieler mit geringem Status, das ist zumindest mein Eindruck. Dieser Umstand begünstigt weiteres Fehlverhalten der talentierten Spieler.“

Was aber in jedem Fall unter dem schlechten Verhalten leidet, ist die Chance auf den Sieg. „Wenn ein Spieler im Favoritenteam wegen Meckerns die gelbe Karte bekommt, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, das Spiel zu gewinnen. Auch das konnten wir mit unserer Studie zeigen“, sagt der FernUni-Forscher.

Künstliche Intelligenz rückt die Sportübertragung näher an die Wirklichkeit

Wie sich Menschen in Wettkampfsituationen verhalten, ist für Sonnabends Forschungsgebiet, die Volkswirtschaft, von großem ökonomischen Interesse. Die Ergebnisse seiner Untersuchung lassen sich auf sämtliche Situationen übertragen, in denen wir uns mit anderen Menschen vergleichen, um eine bessere Position anzustreben: im Job genauso wie in der Schule. „Es ist davon auszugehen, dass sich das von uns identifizierte Muster auch außerhalb des Fußballs finden lässt.“

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