Aus für Atomstrom in Deutschland
Mit dem 15. April 2023 endet – gesetzlich verankert – die zivile Strombereitstellung aus Kernkraftwerken in Deutschland. Ein Rückblick unseres Energieredakteurs Stephan W. Eder.

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim, dessen Reaktorblock II einer der drei letzten ist, die in Deutschland bis zum 15. April 2023 Strom für die öffentliche Versorgung bereitgestellt haben. Am Standort befindet sich mit Block I eine weitere Anlage, die keinen Strom mehr erzeugt und seit 2017 zurückgebaut wird. Betreiber ist die EnBW-Tochter EnBW Kernkraft (EnKK) GmbH mit Sitz in Obrigheim.
Foto: EnBW/Daniel Meier-Gerber
Am 15. April endet die Laufzeit der letzten sich in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke in Deutschland. Der Satz ist einfach hingeschrieben, wer aber gedacht hätte „Das ist es jetzt gewesen“, der irrt. Warum auch? Eine Technologie, die dieses Land entzweit(e) wie kaum eine andere; eine jahrzehntelange Protestbewegung, die eine eigene Partei quasi mit hervorbrachte (Bündnis 90/Die Grünen) – heute Regierungspartei; und eine weltpolitische Lage, die gerade so gar nicht nach Entspannung aussieht.
Erinnern Sie sich? Das war im August 2022: Die deutschen Atomkraftwerke könnten etwas länger laufen
Dabei hätte es doch auch anders aussehen können: „Wenn es gut läuft, gibt es noch ein paar freundliche Worte über den rot-grünen Atomkonsens von 2000 und einen Rückblick auf ferne Zeiten, als Menschen auf die Urkraft des Atoms hofften, Umweltverbände und Bürgerinitiativen werden stolz auf den jahrzehntelangen Kampf verweisen sowie auf die strahlenden Altlasten, die noch einmal beweisen, wie berechtigt das eigene Anliegen war“, schreibt der Wissenschaftshistoriker Frank Uekötter in seinem aktuellen Buch „Atomare Demokratie“ (Steiner Verlag) in sein Resümee. Das Buch erschien letztes Jahr, seitdem lief es nicht gut in Sachen Atomausstieg: Die Begleitmusik ist aktuell deutlich dramatischer.
Zum Beispiel der „Deutschlandtrend“ vom 14. April 2023, eine repräsentative Umfrage des ARD: „Eine Mehrheit der Deutschen steht dem am Samstag geplanten Atomausstieg laut Umfragen kritisch gegenüber. Deutlich mehr als die Hälfte (59 %) hält die Entscheidung der Politik für falsch, lediglich rund ein Drittel (34 %) für richtig“, meldet die dpa. Woher kommt diese Stimmung in einer Gesellschaft, die jahrzehntelang mit dem Ausstieg aus der Nutzung dieser Technologie gerungen hat. Stimmt also der Ausstieg? Oder stimmt er doch nicht? Hier finden Sie einige Aspekte für Ihre eigene Meinungsbildung.

Siegfried Balke, von 1956 bis 1962 Bundesminister für Atomfragen der Bundesrepublik Deutschland, durchschreitet eine Materialschleuse des Reaktorgebäudes des Kernkraftwerks Kahl. Er besuchte den 15-MW-Siedewasserreaktor kuz vor dessen Inbetriebnahme am 28. Oktober 1960. Kahl war das erste Kernkraftwerk in Deutschland, das kommerziell Strom erzeugte und ins öffentliche Stromnetz einspeiste.
Foto: dpa picture-alliance / Richard Koll
Der Ausstieg aus dem Atomstrom hat in der Breite längst stattgefunden
„Trotz aller Aufregung in den sozialen Netzwerken wird die von langer Hand geplante Abschaltung der Kernkraftwerke auf unser Energiesystem keine gravierenden Auswirkungen haben, da die Kernkraft in Deutschland im Jahr 2022 nur noch einen Anteil von circa 6 % an der Stromerzeugung hatte und ihre installierte Leistung nur noch bei 4 GW lag“, schrieb am 14. April der VDI (Verein deutscher Ingenieure) [Anm. d. Redaktion: Der VDI ist Eigner des VDI Verlags, in dem die VDI nachrichten erscheinen]. Eine sachliche Beschreibung, Aufregung sieht anders aus. Ist das angebracht? Ja, denn der größte Teil des Ausstiegs ist längst vollzogen – in mehr als 20 Jahren seit dem ersten Ausstiegsgesetz unter der Bundesregierung Gerhard Schröder.
Tsunami überrollt japanisches Kernkraftwerk
Ein Blick in die Geschichte lohnt sich. Folgender Passus stammt aus dem Jahr 2011: „Das Abschalten der sieben Kraftwerke wird die Energieversorgung nicht beeinträchtigen. Deutschland hat in den vergangenen Jahren sehr viel mehr Strom produziert, als im eigenen Land benötigt wurde. Große Mengen Strom wurden exportiert. Darüber hinaus bestehen erhebliche Leistungsreserven, die mehr als doppelt so hoch sind wie die Gesamtleistung der jetzt vom Netz gehenden Kernkraftwerke. Selbst bei einem stundenweisen Spitzenbedarf reicht die nationale Kraftwerkskapazität zur Versorgung aus. Um erneuerbare Energien verstärkt nutzen zu können, müssen vor allem die Stromnetze schneller ausgebaut werden. Dafür werden sich Bund und Länder verstärkt einsetzen. Die Bundesregierung hat im Energiekonzept 2050 bereits vor einiger Zeit Investitionen in Milliardenhöhe für eine bessere Infrastruktur beschlossen.“
MBA für Ingenieurinnen und Ingenieure mit Klimabewusstsein
Damals an der Regierung: das Kabinett Merkel II, bestehend aus CDU/CSU und FDP. Es ist die Folge der Reaktorkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Diese schien damals der Gesellschaft und auch der Physikerin und Bundeskanzlerin genügend Argumente zu liefern für eine – damals in der Form politisch nicht geplante – schnelle Abschaltung von sieben Reaktoren.
Wie steht es um die Sicherheit der Stromversorgung trotz des Atomausstiegs?
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