Kultur 13. Jun 2014 Hanna Dickmann

Die Waffenschmiede des Deutschen Reiches

Eine Ausstellung in der Zeche Zollverein in Essen zeigt das Rheinland und das Ruhrgebiet zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik– eine Zeit, die geprägt war von wirtschaftlichem Aufschwung, aber auch von Krieg und sozialen Umwälzungen. Wie die Industrie das Leben bestimmte, steht im Mittelpunkt.

Geschützrohre werden in der Gutehoffnungshütte in Sterkrade bearbeitet. Das Unternehmen mit Stammsitz in Oberhausen war ein wichtiger Rüstungsbetrieb.
Foto: LVR Industriemuseum

Es ist dunkel, nur noch marschierende Soldaten sind zu sehen, waggonweise Geschütze und Munition, ein endloser, stummer Aufmarsch. Es scheint kein Entkommen und kein Zurück zu geben, keinen Ausweg außer einem düsteren Loch. Die auf die Trichterwände der ehemaligen Mischanlage auf der Kokerei Zollverein projizierten Bilder vom Beginn des Ersten Weltkrieges bringen den Besucher der Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ in die Region Rhein-Ruhr, die zu dieser Zeit vom Krieg bestimmt war, ohne Kampfgebiet zu sein.

Die Ausstellung eröffnet technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven auf die Rhein-Ruhr-Region als „Waffenschmiede des Deutschen Reiches“. Fotografien zeigen unter anderem, wie beim Chemiekonzern Bayer in Leverkusen Frauen Gasmasken herstellen und Arbeiter Granaten befüllen, wie in den Werkshallen von Krupp in Essen zahlreiche Kanonenrohre zur Weiterverarbeitung bereit liegen.

Das Gemälde „Giftgas-Versuch auf der Wahner Heide in Köln“ von Otto Bollhagen lässt den Betrachter erahnen, wie menschliche Gesichtszüge hinter anonymen Gasmasken verschwanden. Daneben werden Gebrauchsanweisungen für den Einsatz der Masken, Lieferlisten von Geschossen sowie Konstruktionspläne und Modelle von Kriegsschiffen gezeigt – eine ganze Industrie für den Krieg. Dessen neue Dimensionen verdeutlicht die 4 t schwere Feldhaubitze M1913 von Krupp, die hochgestellt einen ganzen Raum für sich einnimmt. „Eine richtige Kriegsmaschine“, sagt ein Besucher der Ausstellung über das massive Gerät.

Welche Folgen der Erste Weltkrieg an der Heimatfront hatte, zeigen Arm- und Bein-Prothesen für die Verwundeten, Propagandaplakate mit Spendenaufrufen sowie Bilder von hamsternden Kindern, arbeitenden Frauen und Kriegsgefangenen. Ein Großteil der Bevölkerung in der Rhein-Ruhr-Region war arm, hungerte, arbeitete viel und schwer, lebte im Ungewissen. Zwischen Gedenktafeln mit den Namen Gefallener und rostigen Patronenhülsen geht der Besucher hindurch in eine neue Zeit. Wie ein Scharnier verbindet der erste industrialisierte Krieg der Weltgeschichte von 1914 bis 1918 das Kaiserreich mit der Weimarer Republik.

Um die zahlreichen Facetten dieses Wandels darzustellen, der einen enormen Modernisierungsschub brachte, thematisiert die Ausstellung auch das Leben in den aufstrebenden Industriegebieten an Rhein und Ruhr im Kaiserreich. Gaszähler, Hydrantendeckel, die Müngstener Eisenbahnbrücke oder die Wuppertaler Schwebebahn stehen für die dichter werdenden infrastrukturellen Netze, die sich über die wachsenden Städte und das Land legten. Luftschiffe belegen die Faszination der Bevölkerung für die aufkommende Luftfahrt. Es herrschte Aufbruchstimmung.

Das Elektroautomobil „Runabout“, 1903 vom London Electro-Mobile Syndicate gefertigt, dokumentiert die Anfänge des für wenige Wohlhabende vorbehaltenen motorisierten Individualverkehrs in der Kaiserzeit. Gleichzeitig – und für die Besucher möglicherweise überraschend – verortet dieses Ausstellungsstück die Anfänge der heute viel diskutierten Elektromobilität in die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Bereits damals waren Größe und Kapazität der benötigten Akkumulatoren die wesentliche technische Herausforderung für die Fahrzeugbauer.

Vom wirtschaftlichen Aufschwung und steigendem Export ab Mitte der 1890er-Jahre profitierte die gesamte Industrie in der Rhein-Ruhr-Region, insbesondere die noch junge Chemie-, Maschinen- und Elektroindustrie. Auf einer globalen Bühne demonstrierten die neuen Großkonzerne nationale Größe und legten die Grundsteine für die Kriegsproduktion.

Wie sich diese Konzerne nach dem Krieg in der Weimarer Republik aufstellten, ist im dritten Teil der Ausstellung zu sehen. Rationalisierung bestimmte das Arbeitsleben. Bilder aus dem Deutz-Werk in Köln zeigen Arbeiter am Fließband. Die 1932 eröffnete Schachtanlage Zollverein XII in direkter Nachbarschaft zum Ausstellungsgebäude ist selbst Beispiel für eine rationalisierte Förderung der Kohle.

Zahlreiche Plakate und Zeitungsausschnitte dokumentieren die bis in die Mitte der 1920er-Jahre anhaltenden gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen in der Region nach der Novemberrevolution 1918, beispielsweise den sozialistisch motivierten Ruhrkampf oder die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen. Zugleich gewann die Massenunterhaltung an Bedeutung. Neue Sport- und Freizeitstätten entstanden, insbesondere in Großstädten. Zu sehen sind Pläne von Stadien, Fotografien von vollbesetzten Rängen, Rennräder aus der Zeit. Sportereignisse konnten die Menschen nicht nur vor Ort, sondern auch über die immer weiter verbreiteten Rundfunkgeräte verfolgen, wie anhand unterschiedlicher Exponate zu sehen ist.

„Mir war nicht bewusst, wie vielfältig die ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts hier waren“, sagt ein Besucher. Diese Vielfalt in Gesellschaft und Wirtschaft zu zeigen, ist das große Verdienst dieser Ausstellung.

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