Historiker Richard J. Evans zum Nationalsozialismus 11. Jan. 2022 Von Peter Steinmüller Lesezeit: ca. 2 Minuten

Was Verschwörungstheorien zum Dritten Reich so populär macht

Adolf Hitler ist bei Kriegsende in einer fliegenden Untertasse an den Südpol entkommen – was bringt Menschen dazu, diese und ähnliche Verschwörungstheorien zum Nationalsozialismus zu glauben? Antworten gibt der Cambridge-Historiker Richard J. Evans im Video.

„Hitler ist wahrscheinlich der bekannteste Mensch in der Geschichte." Dem Historiker Richard J. Evans zufolge bauen ihn deshalb Verschwörungstheoretiker in ihre Hirngespinste ein.
Foto: ROC reporter/public domain

Für die Inflation von Verschwörungstheorien hat Evans zwei Erklärungen: Erstens ermöglichen das Internet und besonders die sozialen Medien seit rund 20 Jahren jedermann, die klassischen Medien zu umgehen. So würden unseriöse Thesen nicht mehr ausgefiltert. Zweitens wachse seit Langem die Bereitschaft, an Fiktionen festzuhalten. Das erleichtere den Menschen, mit der alltäglichen Flut von Nachrichten umzugehen.

„Seit der Jahrhundertwende sind mehr Bücher über Hitlers angebliche Flucht aus dem Führerbunker erschienen als in den 55 Jahren vorher.“ Richard J. Evans

Auch für den Erfolg der laut Evans „verstiegensten aller Verschwörungstheorien“ hat der Historiker eine Erklärung. Die populäre These lautet, dass Hitler und seine Kumpane bei Kriegsende in fliegenden Untertassen, den sogenannten Reichsflugscheiben, an den Südpol geflüchtet seien. „Offensichtlich meinen die unterschiedlichen Gemeinschaften der sogenannten alternativen Wissenschaften, dass sie mehr Aufmerksamkeit gewinnen, wenn sie Hitler in ihre wahnsinnigen Theorien einbeziehen. Schließlich ist er wahrscheinlich der bekannteste Mensch in der Geschichte“, so Evans.

Warum Verschwörungstheorien die Demokratie gefährden und wie Menschen reagieren sollten, die von Fanatikern behelligt werden, erklärt Evans im Videointerview mit VDI nachrichten.

Lesen Sie hier, wie der Terrorexperte Peter R. Neumann islamistische Propaganda in den sozialen Medien bekämpfen will

Richard J. Evans ist emeritierter Professor für Geschichte an der Universität von Cambridge. Als Experte für die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts verfasste er ein dreibändiges Standardwerk über den Nationalsozialismus. Im Jahr 2000 trat er im Gerichtsstreit zwischen der Holocaustforscherin Deborah Lipstadt und dem Holocaustleugner David Irving als Gutachter auf. Evans wies in seinem 740-seitigen Gutachten Irving zahlreiche Fälschungen und Faktenverdrehungen nach, was dessen Ruf als Historiker endgültig zerstörte. Sein Buch „Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien“ ist im vergangenen Jahr bei DVA erschienen.

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