Erneuerbare Energien 24. Aug 2022 Von Hans-Christoph Neidlein

Solar: „Die Hauptfrage ist, ob in Europa zu ähnlichen Kosten wie in Asien produziert werden kann“

Die Fertigungskette der Photovoltaik in Europa hängt fast vollständig am Tropf von China. Nun gibt es seitens der Industrie erste Anläufe für eine Renaissance der europäischen Produktion. Doch hat die Bundesregierung bisher deren strategische Bedeutung nicht erkannt. Jochen Rentsch, Produktionsexperte beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, nimmt im Interview Stellung.

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Vordergrund, links) besucht die deutsche Solarzellenherstellung von Meyer Burger in Bitterfeld-Wolfen. Er lässt sich von Meyer-Burger-CEO Gunter Erfurt (Vordergrund, rechts) das Produkt erläutern.
Foto: dpa Picture-Alliance/REUTERS/Annegret Hilse

VDI nachrichten: Herr Rentsch, wie abhängig ist derzeit die Photovoltaikindustrie in Deutschland und Europa von China?

Jochen Rentsch: Die Photovoltaikbranche ist fast vollständig abhängig von Festland-China, weil wir bei den wesentlichen Komponenten der Solarmodule, vor allem bei Wafern und Solarzellen, eine Importquote von 97 % bis 99 % haben. Bei Solarmodulen ist unsere Abhängigkeit von China etwas geringer. Hier beziehen wir auch wesentliche Mengen von Herstellern aus südostasiatischen Ländern wie Vietnam oder Malaysia. Allerdings sind dies oft auch Tochterfirmen von chinesischen Unternehmen, die dort aufgrund von bestehenden Handelsbeschränkungen der USA Standorte gründeten.

Kommen denn die nötigen Fertigungslinien hierfür vielfach von deutschen Photovoltaik-Maschinenbauern? Wie wichtig ist China als Exportmarkt in diesem Bereich?

China war bis vor einigen Jahren der wichtigste Absatzmarkt der hiesigen Photovoltaik-Maschinen- und -Anlagenbauer. Allerdings wurden sie in den vergangenen Jahren zunehmend als Lieferanten zurückgedrängt, weil China stark auf den Ausbau der eigenen Wertschöpfung und Zulieferindustrie auch im Photovoltaikproduktionsbereich setzt.

Chinas Einfluss im Solarsektor durch Corona geschwächt

Preislich und qualitativ könnten die deutschen Photovoltaik-Maschinenbauer durchaus noch mithalten, aber sie kommen vielfach nicht mehr zum Zuge, weil sie keine chinesischen Unternehmen sind und China eigene Kapazitäten auch in der Fertigung aufbaut. Am ehesten haben noch hiesige Unternehmen im Bereich der Präzisionsmesstechnik in China Absatzchancen.

Photovoltaik: Revival für das Solar Valley in Ostdeutschland

In jüngster Zeit setzen deutsche und europäischen Photovoltaik-Maschinenbauer stark auf den Export nach Indien. Doch ist dies auch ein schwieriger Markt, weil er sehr preissensitiv ist und Indien vermehrt auch chinesische Photovoltaikfertigungsanlagen kauft.

Solar aus Europa – bei Wechselrichtern und Silizium noch gut aufgestellt

Wie sieht es denn bei anderen Komponenten und Materialien wie Photovoltaikwechselrichtern oder Photovoltaikglas aus?

Jochen Rentsch, Leiter der Abteilung "Produktionstechnologie: Oberflächen und Grenzflächen" am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg im Breisgau. Der Physiker beobachtet seit Jahren die Entwicklung der Produktionslandschaft für Photovoltaik in Deutschland und Europa. Ihm zufolge gibt es noch einige Technologielücken zu schließen, um eine eigenständige Gesamtfertigung in Europa etablieren zu können. Die Politik hat ihm zufolge die goestrategische Bedeutung einer solchen Fertigung noch nicht erkannt. Zu viel hängt noch an China.
Foto: Fraunhofer ISE

Im Wechselrichterbereich gibt es mit SMA noch einen Hersteller in Hessen mit größeren Marktanteilen. Photovoltaikglas ist praktisch in Europa nicht mehr vorhanden und muss fast vollständig importiert werden, zu einem großen Teil ebenfalls aus China. Zudem ist der Export von chinesischem Solarglas nach Europa noch mit Zöllen belegt, was europäische Modulhersteller doppelt kostet. Dagegen können chinesische Mitbewerber ihre kompletten Photovoltaikmodule zollfrei nach Europa einführen. Es gibt es in Deutschland noch einen einzigen Hersteller in Brandenburg, der in kleineren Mengen fertigt und von indischen Unternehmen aufgekauft wurde.

Photovoltaik: Wir brauchen die Produktion von Zellen und Modulen in Europa im 100-GW-Maßstab

Wo wir noch besser aufgestellt sind, ist bei der Polysiliziumherstellung. Hier haben wir mit der Firma Wacker in Burghausen (Bayern) noch einen signifikanten Player – auch auf dem Weltmarkt. Die angekündigten Ausbaupläne chinesischer Hersteller in diesem Segment erhöhen hier jedoch auch den Druck, Wacker kann im Moment allerdings sich insbesondere aufgrund seiner hohen Qualität behaupten.

Stand der Wertschöpfung Photovoltaik in Europa, Stand August 2022. Die Wettschöpfungskette unterteilt von rechts nach links in den Rohstoff (ganz rechts, rot: metallurgy grade silicon, als monokristallines Silizium) und PolySI (Polykristallines Silizium, grün); dann die daraus gezogenen Ingots und die Waferfertigung (gelb); hieraus entstehen schließlich die Solarzellen (blau) und daraus die Solarmodule (ganz links, hellgrün). Grafik: Jochen Rentsch/Fraunhofer ISE

Stand der Wertschöpfungskette Photovoltaik in Europa im August 2022 nach Teilen der Wertschöpfungskette (Farbcode) und Größe der Fertigung (Kreisgröße). Um international wettbewerbsfähig zu sein, braucht es eine Fertigungslandschaft, die durch die gesamte Wertschöpfungskette hindurch im Gigawattmaßstab arbeiten kann. Grafik: Jochen Rentsch/Fraunhofer ISE

Stand der Wertschöpfungskette Photovoltaik im August 2022 in Europa mit zusätzlichem Fokus auf Deutschland. Grafik: Jochen Rentsch/Fraunhofer ISE

In der Solarindustrie zählt vor allem die Größe, um die Kosten zu reduzieren

Befeuert durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, die Konfliktsituation China-Taiwan sowie die globalen Lieferprobleme infolge von Corona, rückt die Stärkung Europas als Produktionsstandort, auch für Photovoltaik, verstärkt in den politischen Fokus. Für wie realistisch halten Sie eine Renaissance der Photovoltaikproduktion in Europa beziehungsweise in Deutschland?

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