Beruf 03. Aug 2023 Von Sebastian Wolking Lesezeit: ca. 4 Minuten

In der Branche der Energieberater macht sich viel Wildwuchs breit

Wer sich bei Hausbau oder Haussanierung energetisch beraten lassen will, sollte genau hinschauen. Energieberater ist nicht gleich Energieberater.

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Ein guter Energieberater weiß die Energiebilanz einer Immobilie und die Heizkosten einzuschätzen, um dem Kunden verlässliche Daten an die Hand zu geben.
Foto: imago images/Roman Möbius

Energieberater. Das klingt nach Klimaretter, Einsparexperte und einem Job mit ganz viel Zukunft. Mittlerweile aber häufen sich kritische Stimmen, die dem Berufsstand die Expertise absprechen und seinen Angehörigen offen unterstellen, nur an die lukrativen Fördertöpfe herankommen zu wollen. Für Ingenieure, die echtes Fachwissen mitbringen, ist die Gesellschaft von Laien mehr als nur lästig.

Als Energieberater stellt sich Luca Danilo Arenz nur ungern vor, lieber als Bauphysiker oder beratender Ingenieur. Zu brutal sei der Titel in der jüngeren Vergangenheit abgewertet worden. „Ich würde gerne 90 % der Kollegen wegen fehlender Kompetenz aus dem Markt kicken oder ausreichend befähigen“, sagt Arenz.

Die Berufsbezeichnung Energieberater ist nicht geschützt

Der 33-Jährige hat Architektur mit Vertiefung Baustoffe und Umwelt studiert und 2014/15 das Ingenieurbüro ARCenergie in Mainz gegründet. Zu seinen Kunden zählen Privatpersonen, Bauträger und Projektentwickler, Industriepartner und hier und da ein öffentlicher Auftraggeber. 20 Beratungstermine pro Woche tummeln sich schon mal in seinem Terminkalender, die meisten virtuell. Zu den Vor-Ort-Begehungen schickt Arenz seine Projektleiter. 26 Mitarbeitende hat der Betrieb aktuell. Sie begutachten Immobilien, berechnen Einsparpotenziale, stellen Sanierungsfahrpläne auf und erstellen Energieausweise.

Weiterbildungen als Fachkraft für Energie sind ein Karriereturbo

„Einige unserer Kunden haben ihrem vorherigen Energieberater gekündigt und sind zu uns gekommen, weil sie festgestellt haben, dass die Person nichts kann“, sagt Arenz. Tatsächlich ist der Markt für Energieberatungen in weiten Teilen undurchschaubar. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, nahezu jeder kann seine vermeintliche Expertise zu Wärmepumpen oder Solaranlagen anbieten. Wer aber an die Fördertöpfe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) herankommen will, muss sich in die Energieeffizienz-Expertenliste eintragen lassen. Diese wird von der Deutschen Energie-Agentur (Dena) betreut und umfasst mittlerweile rund 13 000 Namen. Voraussetzung für einen Eintrag ist, zuvor eine entsprechende Weiterbildung absolviert zu haben und über eine Grundqualifikation zu verfügen. Das kann ein Hochschulabschluss sein in Fachrichtungen wie Architektur, Hochbau, Bauingenieurwesen, Technische Gebäudeausrüstung, Physik, Bauphysik, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Energietechnik, aber auch ein Zertifikat als staatlich geprüfter Techniker oder ein Meisterbrief im Handwerk. Bis zu 80 % der Kosten einer Energieberatung können zertifizierte Energieberater über Förderprogramme von KfW und Bafa wieder hereinholen.

Deutsches Energieberater-Netzwerk fordert Qualitätskontrolle sowie ein Leistungsbild und eine Honorarordnung

Im Jahr 2022 betrug das Fördervolumen für Energieberatung in Deutschland laut Bafa insgesamt 119 Mio. € – ein attraktives Lockmittel auch für Seiteneinsteiger. Wurden etwa im Rahmen des Bafa-Förderprogramms „Energieberatung Wohngebäude“ im Jahr 2017 erst 8150 Förderanträge verzeichnet, waren es im Jahr 2022 schon knapp 134 400.

Immer mehr Menschen drängen folglich auf den Markt und auf die Energieeffizienz-Expertenliste. Doch eine Garantie für Kompetenz und Qualität ist auch eine Eintragung in die Liste nicht. „Sie können drei Wochen lang einen Vollzeitkurs belegen und sind auf einmal Energieberater, haben aber von Tuten und Blasen keine Ahnung. Ich habe allein im Jahr 2019 mehr Weiterbildungsstunden besucht als die meisten Kollegen in ihrer gesamten Berufslaufbahn“, sagt Luca Danilo Arenz. „Viele Energieberater sind Papierausfüllgehilfen für Förderanträge, denen viel Kompetenz fehlt, um Bauvorhaben wirtschaftlich und sinnhaft zu planen.“

Tatsächlich sagten in einer Umfrage des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle e. V. (BuVEG) mehr als 72 % der befragten Energieberater, dass sie ihre Kunden insbesondere bei der Fördermittelbeantragung unterstützen würden. Nichts machen sie demzufolge häufiger, als Dokumente auszufüllen. Sanierungsfahrpläne fertigen knapp 61 % der Befragten für ihre Kunden an, Energieausweise nur rund 24 %. Eine Vor-Ort-Beratung zählt nur bei knapp 53 % zum Leistungsangebot, eine Onlineberatung nur bei knapp 15 %.

Fachleute für Energieberatung dringend gesucht

„Die Berufsbezeichnung ‚Energieberater‘ sollte bundesweit gesetzlich geschützt werden, und es wäre wünschenswert, auf eine europäische Regelung hinzuwirken“, fordert Hermann Dannecker, Vorsitzender des Branchenverbandes Deutsches Energieberater-Netzwerk (DEN) und ebenfalls ausgebildeter Ingenieur. „Es müssten Grundsätze der Berufsethik in einem Leitbild formuliert werden sowie eine klare Staffelung nach Ausbildungs- und Qualitätsstufen, ebenso ein Leistungsbild und eine Honorarordnung. Dies alles sollte von einem einheitlichen Berufsverband oder von einer Kammer als qualitätssichernde Einrichtung organisiert und überwacht werden.“

Luca Danilo Arenz sieht sich als Bauphysiker oder beratender Ingenieur. Mit dem Titel Energieberater würde Schindluder getrieben, so Arenz. Foto: ARCenergie GmbH

Schon seit Jahren habe sich sein Verband für ein eigenes Berufsbild eingesetzt, bislang vergeblich. „Dabei brauchen wir dringender denn je Perspektiven für den Nachwuchs, denn Energieberaterinnen und Energieberater spielen bei der praktischen Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entscheidende Rollen“, so Dannecker. „Außerdem muss angesichts des außerordentlich hohen Bedarfs an Beratungsleistungen unbedingt deren Qualität gesichert und kontrolliert werden. Nur so lassen sich schwarze Schafe verhindern, welche eine ganze Branche in Verruf bringen können.“

Laut Bafa-Erhebung ist die Zufriedenheit mit Energiedienstleistungen rückläufig

Reines Wunschdenken oder realisierbar? Auf Anfrage von VDI nachrichten teilt Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, mit: „Vom Ergebnis her gilt es, die Energieberatung zu stärken und auch Qualität zu sichern. Mit der zu beschleunigenden Energiewende, verstärkt nun auch im Wärmesektor, gibt es absehbar einen steigenden Bedarf an qualifizierter Beratung. Eine geschützte Berufsbezeichnung wäre sicher ein verlässlicher Baustein zur Qualitätssicherung. Der Ausgestaltung nach sollte sie keine Hemmnisse setzen. Dies müsste bei der betreffenden Bezeichnung Berücksichtigung finden.“

Laut Bafa-Erhebung ist die Zufriedenheit mit Energiedienstleistungen seit Jahren rückläufig, sowohl bei Unternehmen und Kommunen als auch bei Eigentümern und Mietern. Erschwerend kommt hinzu, dass sich angesichts des wegbrechenden Neubaugeschäfts viele Energieberater derzeit wieder in Richtung Altbestand umorientieren. Nicht alle verfügen über das notwendige Fachwissen. „Neubau kann jeder. Eine Sanierung ist viel komplexer. Dafür benötigt man viel mehr Skills. Das bildet der Markt aktuell noch nicht ab“, sagt Luca Danilo Arenz.

Technikern oder Ingenieuren, die eine Laufbahn als Energieberater einschlagen wollen, rät er, sich nicht alleine auf zertifizierte Weiterbildungskurse zu verlassen. „Man muss hungrig bleiben. Man muss regelmäßig auf Weiterbildungen gehen, über den Tellerrand schauen. Ich will nicht den Tellerrand sehen, ich will das Haus sehen, in dem der Tisch steht, auf dem der Teller sich befindet. Dann kann ich das Gebäude bewerten. Und das ist unsere Aufgabe als Energieberater.“

Energiewende: Ingenieurin klärt über Wärmepumpen in Bestandsbauten auf

Die Stundensätze von Energieberatern liegen nach Bafa-Angaben zwischen 72 € und 156 €, je nach Art des Auftrags. Gestiegen sind sie in den vergangenen Jahren kaum. Seit dem 1. Juli 2023 gilt für die Bundesförderung von Energieberatungen für Wohngebäude eine neue Förderrichtlinie. „Ich bekomme mein Geld sofort durch den Bauherrn und muss nicht bei der Bafa zehn bis zwölf Monate auf mein Geld warten“, sagt Arenz. Der Kunde ist es jetzt, der warten müsse. „Ich hoffe, die Bauherren erhalten Ihr Geld schneller als wir Energieberater.“

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