Kongress zur Transformation 28. Okt 2022 Von Wolfgang Schmitz

Precht und Göpel denken Arbeit und Wirtschaft neu

Die Arbeit wird sich verändern. Dafür sorgen allein schon Digitalisierung und Fachkräftemangel. Und der Wunsch junger Menschen nach einem guten Leben. Auf dem Datev-Kongress in Essen zeichneten der Philosoph Richard David Precht und die Politikökonomin Maja Göpel ein Bild von „Sinngesellschaft“ und nachhaltigem Wirtschaften.

Richard David Precht: „Hätte ich meinen Großvater, der bei der Post gearbeitet hat, gefragt, ob ihm die Arbeit Spaß mache, hätte er die Frage gar nicht verstanden.“
Foto: Christian O. Bruch

Eine Lasershow kündigte mit dramatischer Musik sowie mit den riesigen Schlagworten „Transformation“, Nachhaltigkeit“, „New Work“ und „Automatisierung“ auf der ebenfalls nicht gerade kleinen Leinwand Großes an. Zu seinem Kongress „Arbeit neu denken“ hatte das Softwarehaus Datev Wissenschaftsprominenz nach Essen geladen, um für jenes Phänomen eine Erklärung oder zumindest eine Einordnung zu finden, das im Zuge der Digitalisierung und der damit verbundenen neuen Arbeitswelten vielen als vierte Revolution gilt.

Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht betonte die starken Emotionen wie Unsicherheiten und Ängste, die durch technische Innovationen erzeugt würden. Darüber hinaus erzeugten die Krisen „gigantische Umwälzungen“, was summa summarum bei vielen Menschen zu „mentaler Überforderung“ führe. „Wir reden viel zu wenig über die Chancen, die sich ergeben. Es liegt an uns, wir können die Zukunft gestalten.“

Das Ende der klassischen Arbeitsgesellschaft, vorangetrieben durch die Digitalisierung, führe hin zu einer „Sinngesellschaft“, in der sich der Mensch nicht mehr als willfähriges Objekt sehe. „Hätte ich meinen Großvater, der bei der Post gearbeitet hat, gefragt, ob ihm die Arbeit Spaß mache, hätte er die Frage gar nicht verstanden.“ Genauso große Augen würde jetzt sein 19-jähriger Sohn machen, wenn Precht ihm sagen würde, er solle sich einen sicheren Job suchen, das Leben sei kein Wunschkonzert. „Natürlich ist das Leben für die jungen Menschen ein Wunschkonzert!“ Es stünde die Frage im Mittelpunkt: Wie kann ich ein erfülltes Leben führen? Und zum Leben gehöre nun einmal die Arbeit.

„Die Aufgabe besteht darin, dass Menschen nicht zu Handlangern moderner Technologien werden“

IT-Jobs sind Gewinner von Digitalisierung und Automatisierung

Die Technik erleichtere den Menschen das Leben. Und die Arbeit. Den Glauben, dass alles, was technisch machbar sei, auch umgesetzt werde, hält Precht für einen Fehlschluss. Zunächst müsse ein Geschäftsmodell dahinterstehen. Beispiel Spargelstechen. Es existierten Maschinen, die die mühsame Arbeit übernähmen. Diese seien aber mit jeweils rund 200 000 € sehr teuer. Sie rechneten sich nicht. „Und was ist, wenn die teure und komplexe Maschine defekt ist? Dann fehlen die Fachleute, um sie zu reparieren.“

Zweitens müsse die Technik gesellschaftlich akzeptiert sein. Bei Entscheidungen spielten Emotionen nachgewiesenermaßen eine größere Rolle als die Vernunft. So könnten sich moralische Zweifel der technologischen Umsetzung in den Weg stellen. Daher kann Precht auch nicht die Auffassung vieler Arbeitsmarktpropheten teilen, dass alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um den Menschen zu ersetzen und ein Heer an Arbeitslosen daraus entstehe.

Aus Digitalisierung und Automatisierung würden aber auf jeden Fall Gewinner hervorgehen. Da wären zunächst die Spitzenkräfte in der IT – von denen es zu wenige gäbe. Angesichts zahlreicher Mint-Initiativen warnte der Philosoph vor Aktionismus. „Man schafft ja auch nicht mehr Bundesligaspieler, indem jetzt alle Schüler Fußball spielen müssen.“ Statt Unbegabte über Gebühr mit Mathematik zu „quälen“, sollten Talente herausgepickt und stärker individuell gefördert werden.

Neben IT-Fachkräften werde auch der „quartäre Sektor“, in dem sich hochkarätige Dienstleistungsfachleute und Projektmanagerinnen und -manager tummeln, „wachsen und wachsen“. Ähnliches gelte für das Handwerk, vor allem aber für „Empathieberufe“, denen sich Menschen verschrieben, die gerne mit anderen Menschen zusammen sind: Pädagogen, Pflegekräfte, aber auch alle, die im Bereich Entertainment unterwegs sind. „Überhaupt wird alles, was sich um den Menschen dreht, zulegen.“

Künstliche Intelligenz könne das nicht leisten, soziales Lernen müsse von Menschen gesteuert werden. „Würden Sie Ihr Kind in einen Kindergarten schicken, in dem ein Roboter als Erzieher tätig ist?“, richtete sich Precht an die rund 800 Anwesenden im Essener Congress Centrum.

Der Mensch muss sich fragen, welche technologischen Entwicklungen zu seinem Planeten passen und welche Jobs ihm wichtig sind

Maja Göpel: „Eine immer schneller rasende Wirtschaft ist nicht unbedingt Fortschritt“

Wenn die Menschheit es mit dem „nachhaltigen Wirtschaften“ ernst meine, müsse sie zunächst einmal den Begriff „Umwelt“ in „Mitwelt“ umtaufen, meint die Transformationsforscherin Maja Göpel. Schließlich sei der Mensch Teil der Natur und nicht irgendein Wesen am Rande. Entsprechend müsse er sich fragen, welche technologischen Entwicklungen denn zu seinem Planeten passten, welche Sektoren und welche Jobs ihm wichtig seien. Dazu gehöre auch die Frage, ob wir denn künftig die Autoindustrie weiter so stark fördern und die umweltfreundliche Landwirtschaft weiter wie ein Stiefkind behandeln sollten.

Maja Göpel plädiert dafür, tradierte Wirtschaftssysteme komplett auf den Prüfstand zu stellen.
Foto: Anja Weber/anjaweber.com

Göpel plädiert für eine systemische Sicht. Es bringe nichts, hier an einer Schraube zu drehen, um eine vermeintliche Verbesserung zu erreichen und parallel an anderer Stelle Verschlechterungen hervorzurufen. So bedeuteten Elektromotoren noch lange nicht nachhaltige Mobilität. Energieeffizienz und Naturschutz sähen anders aus. Für die Bauindustrie hieße das etwa, nicht immer wieder Stoffe aus dem Boden zu schaufeln, sondern das zu nutzen, was anderswo nicht mehr gebraucht werde. Stichwort Kooperation. Als positives Beispiel nannte die Politökonomin Finnland, wo der Rohstoffverbrauch gedeckelt werde, um Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft anzuregen.

Göpel plädiert dafür, tradierte Systeme komplett infrage zu stellen. Ihre Kritik macht vor den Gewerkschaften nicht halt. Jobs in der Industrie auf Gedeih und Verderb erhalten zu wollen und den dort Beschäftigten eine Umschulung zur Pflegekraft nicht als attraktive Alternative empfehlen zu wollen, könne nicht zukunftsweisend sein.

„Die kapitalistische Wirtschaft wird sich der Sinnfrage stellen müssen“

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